Kritik

Die Kritik an diesem Konzept beruht im Wesentlichen auf drei Einwänden. Zum einen widerspricht es unserem Gerechtigkeitsempfinden, dass wir alle für den vor langer Zeit begangenen Fehler eines einzelnen Menschen zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Zum anderen erscheint die Vorstellung einer historischen Person namens Adam angesichts moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse zunehmend schwierig. Ironischerweise lösen sich beide Einwände gerade dadurch in Luft auf, dass man sie miteinander kombiniert. Das hebräische Wort adam bedeutet einfach nur Mensch, erst in der griechischen Septuaginta wird der Name Adam als Eigenname verwendet. Es ist also hier nicht einfach nur von dem ersten Menschen die Rede, sondern vom Menschen überhaupt. Und somit ist es auch kein Problem, sich mit ihm auch heute noch zu identifizieren. Wie wir einen Menschen im Alter von 60 Jahren als denselben Menschen bezeichnen, der er als Kind war, obwohl er sich in der Zwischenzeit vielfältig verändert hat, so betrachtet Gott die Entwicklung des Menschengeschlechts als die langsame Entwicklung ein und desselben Menschen. Für ihn sind wir alle Adam.

Der dritte Einwand gegen die Lehre der Erbsünde findet sich im Wesentlichen schon bei Pelagius. Sie widerspricht einem positiven Menschenbild, demzufolge der Mensch und mit ihm die menschliche Gesellschaft stetig verbessert werden können. Menschen machen zwar Fehler, doch sind die Ursachen hierfür therapierbar, man müsse nur wollen. Wohin dieser moderne Machbarkeitswahn führen kann, haben wir leider oft genug erlebt. Alle totalitären Regime gehen letztlich auf diese Vorstellung zurück. Sie wollen einen neuen, einen besseren Menschen, ja eine bessere Menschheit erschaffen, sei es durch Abschaffung der Klassen, durch Züchtung der Rasse oder was auch immer. Letzten Endes bleibt nur die bittere Ironie: Die schlimmsten Sünden der Menschheit wurden begangen, weil man die angeborene Sünde des Menschen ignoriert hat.