Die Bekehrung August Herrmann Franckes

Die Grundlage für das siebte Kapitel ist – natürlich – das siebte Kapitel selbst. Dennoch haben wir an dieser Stelle einen anderen Text gewählt, der die Problematik des Kapitels hervorhebt. Es ist ein Auszug aus dem autobiographisch geschilderten Bekehrungserlebnis des Pietisten August Herrmann Franckes.

 

Inzwischen fuhr ich in meinem vorigen Tun fort und hielt an mit fleißigem Gebet auch in der größten Verleugnung meines Herzens. Folgenden Tages, welches war an einem Sonntage, gedachte ich mich gleich also in voriger Unruhe zu Bette zu legen, war auch darauf bedacht, daß ich, wenn keine Änderung sich ereignete, die Predigt wieder absagen wollte, weil ich im Unglauben und wider mein eigen Herz nicht predigen und die Leute also betrügen könnte. Ich weiß auch nicht, ob es mir möglich gewesen sein. Denn ich fühlte es gar zu hart, was es sei, keinen Gott haben, an den sich das Herz halten könne, seine Sünden beweinen und nicht wissen, warum, oder wer der sei, der solche Tränen auspreßt, und ob wahrhaftig ein Gott sei, den man damit erzürnt habe; sein Elend und großen Jammer täglich sehen und doch keinen Heiland und keine Zuflucht wissen oder kennen. In solcher großen Angst legte ich mich nochmals an erwähntem Sonntagabend nieder auf meine Knie und rief an den Gott, den ich noch nicht kannte noch glaubte, um Rettung aus solchem elenden Zustand, wenn anders wahrhaftig ein Gott wäre. Da erhörte mich der Herr, der lebendige Gott, von seinem heiligen Throne, da ich noch auf meinen Knien lag. So groß war seine Vaterliebe, daß er mir nicht nur nach und nach solchen Zweifel und Unruhe des Herzens wieder benehmen wollte, daran mir wohl hätte genügen können, sondern damit ich desto mehr überzeugt sein würde und meiner verirrten Vernunft ein Zaum angeleget würde, gegen seine Kraft und Treue nichts einzuwenden erhörte er mich plötzlich.

Denn wie man eine Hand, umwendet, so war all mein Zweifel hinweg, ich war versichert in meinem Herzen der Gnade Gottes in Christo Jesu, ich konnte Gott nicht allein Gott, sondern meinen Vater nennen, alle Traurigkeit und Unruhe des Herzens ward auf einmal weggenommen, hingegen ward ich wie mit einem Strom der Freude plötzlich überschüttet, daß ich aus vollem Mut Gott lobte und pries, der mir solche Gnade erzeigt hatte. Ich stand anders gesinnt auf, als ich mich niedergelegt hatte. Denn mit großem Kummer und Zweifel habe ich meine Knie gebogen, aber mit unaussprechlicher Freude und großer Gewißheit stand ich wieder auf. Da ich mich niederlegte, glaubte ich nicht, daß ein Gott wäre, da ich aufstand, hätte ich’s wohl ohne Furcht und Zweifel mit Vergießung meines Bluts bekräftigt. Ich begab mich darauf zu Bette, aber ich. konnte vor großen Freuden nicht schlafen, und wenn sich die Augen etwa ein wenig geschlossen, erwachte ich bald wieder und fing aufs neue an, den lebendigen Gott, der sich meiner Seele zu erkennen gegeben, zu loben und zu preisen. Denn es war mir, als hätte ich in meinem ganzen Leben gleichsam in einem tiefen Schlaf gelegen und als wenn ich alles nur im Traum getan hätte und wäre nun erstlich davon aufgewacht.

Es durfte mir niemand sagen, was zwischen dem natürlichen Leben eines natürlichen Menschen und zwischen dem Leben, das aus Gott ist, für ein Unterschied sei. Denn mir war zumut, als wenn ich tot gewesen wäre, und siehe, ich war lebendig geworden. Ich konnte mich nicht die Nacht über in meinem Bette halten, sondern ich sprang vor Freuden heraus und lobte den Herrn, meinen Gott. Ja, es war mir viel zu wenig, daß ich Gott loben sollte, ich wünschte, daß alles mit mir den Namen des Herrn loben möchte. Ihr Engel im Himmel rief ich, lobet mit mir den Namen des Herrn, der mir solche Barmherzigkeit erzeigt hat. Meine Vernunft stand nun gleichsam von ferne, der Sieg war ihr aus den Händen gerissen, denn die Kraft Gottes hatte sie dem Glauben untertänig gemacht. Doch gab sie mir zuweilen in den Sinn: sollte es auch wohl natürlich sein können, sollte man nicht auch von Natur solche große Freude empfinden können; aber ich war gleich dagegen ganz und gar überzeugt, daß alle Welt mit aller ihrer Lust und Herrlichkeit solche Süßigkeit im menschlichen Herzen nicht erwecken könne, als diese war, und sah wohl im Glauben, daß nach solchem Vorgeschmack der Gnade und Güte Gottes die Welt mit ihren Reizungen zu einer weltlichen Lust wenig mehr bei mir ausrichten würde. Denn die Ströme lebendigen Wassers waren mir nun allzu lieblich geworden, daß ich leicht vergessen konnte der stinkenden Mistpfützen dieser Welt. O wie angenehm war mir diese erste süße Milch, damit Gott seine schwachen Kinder speist! Nun hieß es aus dem 36. Psalm: „Wie teuer ist deine Güte, Gott, daß Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel trauen! Sie werden trunken von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkest sie mit Wollust wie mit einem Strom. Denn bei dir ist die lebendige Quelle, und in deine Lichte sehen wir das Licht.“

Nun erfuhr ich wahr zu sein, was Lutherus sagt in der Vorrede über die Epistel an die Römer: „Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neugebiert aus Gott (Joh. 1, 12) und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften und bringet den Heiligen Geist mit sich.“ [Und:] „Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiß, daß er wohl tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der Heilige Geist tut im Glauben.“

Gott hatte nun mein Herz mit Liebe gegen ihn erfüllt, dieweil er sich mir als das allerhöchste und allein unschätzbare Gut zu erkennen gegeben. Daher konnte ich auch des folgenden Tages meinem Herrn Tischwirt, der um meinen vorigen elenden Zustand gewußt hatte, diese meine Erlösung nicht ohne Tränen erzählen, darüber er sich mit mir erfreute. Des Mittwochs darauf verrichtete ich nun auch die mir aufgetragene Predigt mit großer Freudigkeit des Herzens und aus wahrer göttlicher Überzeugung über den oben angeführten 21. Vers des 20. Kapitels Johannis und konnte da mit Wahrheit sagen aus 2. Kor, 4: Dieweil wir nun eben denselbigen Geist des Glaubens haben, nachdem geschrieben steht, ich glaube, darum rede ich, so glauben wir auch, darum reden wir auch.

Und das ist also die Zeit, dahin ich eigentlich meine wahrhaftige Bekehrung rechnen kann. Denn von der Zeit an hat es mit meinem Christentum einen Bestand gehabt, und von da an ist mir’s leicht geworden, zu verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig zu leben in dieser Welt; von da an habe ich mich beständig zu Gott gehalten, Beförderung, Ehre und Ansehen vor der Welt, Reichtum und gute Tage und äußerliche, weltliche Ergötzlichkeit für nichts geachtet; und da ich mir vorher einen Götzen aus der Gelehrsamkeit gemacht, sah ich nun, daß Glaube wie ein Senfkorn mehr gelte als hundert Säcke voll Gelehrsamkeit, und daß alle zu den Füßen Gamaliels erlernte Wissenschaft als Dreck zu achten sei gegen die überschwengliche Erkenntnis Jesu Christi unsers Herrn.

Von da an habe ich auch erst recht erkannt, was Welt sei und worin sie von den Kindern Gottes unterschieden sei. Denn die Welt fing auch bald an, mich zu hassen und anzufeinden oder einen Widerwillen und Verdruß über mein Tun spüren zu lassen, auch sich zu beschweren oder mit Worten mich anzustechen, daß ich auf ein ernstliches Christentum mehr, als sie etwa nötig vermeinten, dränge. Aber ich muß auch hierin die große Treue und Weisheit Gottes rühmen, welche nicht zuläßt, daß ein schwaches Kind durch allzu starke Speise, eine zarte Pflanze durch einen allzu rauhen Wind verderbet werde, sondern er weiß am besten, wann und in welchem Maß er seinen Kindern etwas auflegen und dadurch ihren Glauben prüfen und läutern soll. Also hat es auch mir nie an Prüfungen gefehlt, aber Gott hat dabei meiner Schwachheit allezeit geschont und mir erst ein gar geringes und dann nach und nach ein immer größeres Maß des Leidens zugeteilt, da mir aber allezeit nach der von ihm erteilten göttlichen Kraft das letztere und größere viel leichter geworden zu tragen als das erste und geringere.

Ich nenne solches meine eigene Bekehrung, weil ich mit Wahrheit sagen kann: Was ich vorhin für gute Bewegungen und äußerliche Bezeigungen mag haben von mir spüren lassen, daß doch vorhin kein Durchbruch geschehen sei, wie wohl Gott an seinem Teil an meiner Seele viel gearbeitet; aber daß die vor dieser Zeit von 1687 hergehende von der nachfolgenden so unterschieden, wie die Nacht und der Tag unterschieden ist, ja daß ich den empfindlichen Unterschied nicht genug beschreiben, aber es kürzer nicht ausdrücken kann, als daß vorhin die Sünde über mich geherrschet, hernach aber die Kraft Christi bei mir gewohnet, welches zwischen einem Wiedergebornen und Unwiedergebornen der reale Unterschied ist, den niemand verstehet, als der den Geist Gottes empfangen hat.

Zu wenig ist von dieser Sache geredet worden, und wenn ja davon gedacht worden ist, hat man solches gemeiniglich allein aus der Taufe, die wir in der Kindheit empfangen, geführet – die sonst allerdings in ihrer Würde nach der reinen Evangelischen Lehre zu lassen ist – eben, als wenn’s damit alles ausgemacht wäre und man sicher von allen, die getauft wären, nun ihr Leben lang ihres Standes der Wiedergeburt – und daß sie wirklich darin geblieben – versichert sein könnte – da doch leider die allermeisten ihren Taufbund übertreten und aus dem Gnadenstande fallen.

 

Quelle: Martin Schmidt/Wilhelm Jannasch (Hrsg.), Das Zeitalter des Pietismus. Klassiker des Protestantismus Band VI, Bremen: Schünemann, 1965, S. 68-82.