Skripte

Prophetenbücher

Inhaltsverzeichnis

 

1. Das Phänomen der Prophetie im AT

        

1.1. Einführung        

1.1.1. Begriffserklärung        

1.1.2. Die Vorläufer der Schriftpropheten        

1.1.3. Die Berufung zum Propheten        

1.1.4. Der Auftrag des Propheten       

1.2. Quellen        

1.2.1. Die Berufungsgeschichten        

1.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

        

2. Die Sprache der Propheten

        

2.1. Einführung        

2.1.1. Die Gattungen prophetischer Rede        

2.1.2. Fluch- und Segenscharakter des Prophetenspruches        

2.1.3. Zeichenhandlungen        

2.1.4. Hermeneutik prophetischer Rede        

2.1.4.1. Christliche Auslegung des AT        

2.1.4.2. Historisch – kritische Auslegung        

2.2. Quellen        

2.2.1. Fluch und Segen        

2.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion     

   

3. Die Unheilsbotschaft

        

3.1. Einführung:Die äußeren Voraussetzungen der Drohbotschaft        

3.1.1. Machtpolitik als Ausdruck des Unglaubens        

3.1.2. Synkretismus als Ausdruck des Unglaubens        

3.1.3. Exodustradition und Alleinanspruch Jahves        

3.2. Quellen        

3.2.1. Machtpolitik als Ausdruck des Unglaubens        

3.2.2. Synkretismus als Ausdruck des Unglaubens        

3.2.3. Exodustradition und Alleinanspruch Jahves        

3.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

        

4. Kritik an Kult und Moral

        

4.1. Der Regelkreis von Religion und Ethik.        

4.1.1. Kritik der Frömmigkeit: die religiösen Missstände        

4.1.2. Kritik der Moral: die sozialen Missstände        

4.2. Quellen        

4.2.1. Der Regelkreis von Religion und Ethik: Die Tempelrede        

4.2.2. Kritik der Frömmigkeit: die religiösen Missstände        

4.2.3. Kritik der Moral: die sozialen Missstände        

4.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

        

5. Die Heilsbotschaft und die messianische Erwartung

        

5.1. Einführung        

5.1.1. Die Bundeserneuerung und der Neue Bund        

5.1.2. Der Heilige Rest        

5.1.3. Davidstradition und Messiaserwartung        

5.1.4. Der Zion und die Völker        

5.2. Quellen        

5.2.1. Bundeserneuerung und Neuer Bund        

5.2.2. Der Heilige Rest        

5.2.3. Davidtradition und Messiaserwartung        

5.2.4. Der Zion und die Völker        

5.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

        

6. Prophetie, Eschatologie und Apokalyptik

        

6.1. Einführung:        

6.1.1. Endzeit: die Jesaja – Apokalypse        

6.1.2. Der Tag des Herrn        

6.1.3. Der verheißene Sieg über den Tod        

6.1.4. Der Menschensohn        

6.2. Quellen        

6.2.1. Jesaja-Apokalypse        

6.2.2. Belegstellen für den „Tag des Herrn“        

6.2.3. Der Sieg über den Tod        

6.2.4. Der Menschensohn        

6.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

        

7. Das Amt des Propheten in der Anfechtung

        

7.1. Einführung:        

7.1.1. Das Leiden des Propheten        

7.1.2. Die Auseinandersetzung mit den falschen Propheten        

7.1.3. Kriterien echter Gottesbotschaft        

7.2. Quellen        

7.2.1. Das Leiden des Propheten        

7.2.2. Falsche Propheten        

7.2.3. Kriterien echter Gottesbotschaft        

7.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

        

8. Die Erfüllung in Jesus dem Christus

        

8.1. Einführung        

8.1.1. Die Gabe des Geistes        

8.1.2. Der Gute Hirte        

8.1.3. Der Gottesknecht und das Kreuz        

8.2. Quellen:        

8.2.1. Die Verheißung des Geistes        

8.2.2. Der Gute Hirte        

8.2.3. Der Gottesknecht und das Kreuz       

8.3. Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

       

9. Nachwort

       

10. Literaturverzeichnis   

1. Das Phänomen der Prophetie im AT

Einführung

Entgegen einem weitverbreiteten Missverständnis sind die biblischen Propheten nicht in erster Linie Zukunftsdeuter (obwohl sie das auch können und tun), sondern Enthüller des Verborgenen. Sie decken auf, was verborgen ist und was unter den Teppich gekehrt wurde. Sie weisen auf die Leichen im Keller des Hauses Israel oder Juda hin, das nach außen hin als intakt präsentiert wird.

Dazu wurden sie von Gott selber berufen, und zwar weithin gegen ihren eigenen Willen. Gott offenbart sich ihnen vor allem in Wortbotschaften, die sie als Botensprüche weiterzugeben haben. Ihr kritischer Auftrag setzt sie in Widerspruch zum größten Teil des Volkes, zu den jeweiligen Herrschern und vor allem im Widerspruch zur gängigen Religionspraxis, die durch die Priesterschaft und ganz besonders durch die regierungshörigen Kultpropheten vertreten wird. Wegen ihrer kritischen Drohbotschaft werden sie der Kollaboration mit den Feinden bezichtigt. Ihre Trostbotschaft in verzweifelter Lage wird weithin als Spinnerei abgelehnt.

Das religionsgeschichtlich singuläre Phänomen der alttestamentlichen Prophetie lässt im Laufe der Geschichte Israels immer mehr Fragen offen, die bis heute innerhalb des alttestamentlichen Verstehenshorizontes nicht erklärbar sind.  Verstehbar werden sie lediglich, wenn man sie messianisch deutet auf ihre spätere Erfüllung in Jesus dem Christus.

Es wäre aussichtslos, in einem einzigen Kurs alle Schriftpropheten nacheinander darzustellen. Stattdessen ist dieser Kurs thematisch gegliedert mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Jesaja und Jeremia. An gegebener Stelle werden jeweils die entsprechenden Parallelen oder auch Unterschiede zu den anderen Propheten dargestellt. Insbesondere bei der messianischen Interpretation der Prophetenbücher treten auch die anderen Propheten jeweils eigenständig in den Vordergrund. Dieses Vorgehen entsprach zugleich dem Wunsch der Kursteilnehmer, die dann auch Daniel wenigstens ansatzweise behandelt wissen wollten.

Die Wucht der prophetischen Botschaft ist aufgrund ihrer Kanonisierung als biblische  Schriften und der Bekanntheit vieler Prophetenworte heute kaum noch in ihrer Ursprünglichkeit nachvollziehbar. Die Propheten missachten ständig Tabus, indem sie etwa wie Hosea eine Prostituierte heiraten, wie Jeremia den eigenen König verfluchen, wie Amos die Damen der Oberschicht als fette Kühe beleidigen und auch sonst in ihren Scheltworten gegen die Fremdvölker dem sehr nahe kommen, was wir heute als „Hassprediger“ bezeichnen. Hierin jedenfalls eignen sie sich kaum als Vorbilder für künftige Gemeindeleiter. Ebenso sollte ihre Kompromisslosigkeit vor allzu schneller Identifikation warnen.  Sie sind und bleiben aber anstößige Warner vor einer weichgespülten Wohlfühl – Verkündigung.

Begriffserklärung

Im Hebräischen ist der Begriff „Prophet“ wohl von dem Wortstamm für  Berufung abgeleitet. Das Prophetentum definiert sich also nicht über die Voraussage zukünftiger Ereignisse, sondern über die Berufung eines Menschen durch Gott, seinen Willen dem Volk mitzuteilen. Damit unterschieden sich die Propheten vom Berufsstand der Priester. Beide Berufe bestanden nebeneinander her. Anders als nach heutigem Verständnis war Voraussetzung für den Beruf des Priesters damals kein Berufungsbewusstsein, sondern stattdessen die Abstammung aus dem Stamme Levi sowie strikte kultische Reinheit. Sie waren für den kultisch korrekten Vollzug des Opferwesens zuständig. Die kritische Botschaft der Schriftpropheten machte damit nicht nur die regierungshörigen Kultpropheten, sondern ebenso auch die Priesterschaft zu ihren erbitterten Gegnern.

„Prophet“ wird im AT vielseitig und eher undifferenziert gebraucht und kann Menschen in ekstatischer Verzückung bezeichnen, sowie Mitteilung aktueller Gottesworte, Predigten, Gottes-Befragungen, Fürbitten und Wundertaten (ThHAT). Dabei scheint der

„Prophet“ (nabi, der Berufene) der mit dem Kulturland verbundener Ekstatiker zu sein, der

„der Seher“ (roäh) dagegen eher nomadischer Herkunft zu sein, der im Laufe der Zeit im nabi aufgeht: „denn die man jetzt Propheten nennt, die nannte man vorzeiten Seher“ (1.Sam.9, 9).

Im Griechischen bedeutet der Begriff  profhteuw (prophäteuo) vor allem:

  1. die Gottesoffenbarung verkündigen, sowie
  2. Verborgenes prophetisch enthüllen (guter Beleg: Mt.26, 68), erst dann:
  3. Zukünftiges voraussagen, weissagen (Bauer, NT)

Die uns bekannten Propheten waren unbequeme Ausnahmeerscheinungen. Erst als nachexilisch klar wurde, dass sie recht gehabt hatten und nicht die Kultpropheten, wurden ihre Schriften geehrt, während die Kultpropheten wahrscheinlich in der Gilde der Tempelsänger aufgingen.

Die Vorläufer der Schriftpropheten

Aus den älteren atl. Schriften kennen wir eine ganze Reihe von Propheten, von denen einzelne Worte oder Taten überliefert sind: Die ältesten uns bekannten Namen sind Frauen – ein ganz außergewöhnliches Indiz für eine individuelle Berufung in einer ansonsten ausgeprägt patriarchalischen Gesellschaft. Es sind diese:

Mirjam: Ex 15,20f: Urgestein der Exodus-Überlieferung, dann:
Debora: eine Prophetin als Richterin: Ri.4,4-5, sowie
Hulda: 2.Kg.22,14.

Ausführlicher wird die Überlieferung dann bei

Bileam, von dem eine schöne Definition des Begriffes des Propheten überliefert ist. Er ist „Hörer göttlicher Rede, dem die Augen geöffnet werden beim Niederknien“ (Nu. 24,4) sowie
Samuel, einfach „ein Mann Gottes“ (1. Sam.2,27), außerdem
Nathan mit der Davidsverheissung 2. Sam.7.  Mit
Elia, dem gleich 400 Baal-Propheten gegenüberstanden (1.Kg.18) und mit
Elisa beginnt die Zeit der großen uns bekannten Propheten. Bereits
Micha (1. Kg. 22, nicht der Schriftprophet) musste sich mit den falschen Propheten auseinandersetzen.

Die Berufung zum Propheten

Die Berufung zum Propheten geschieht eher überfallartig: 1.Sam.3: „siehe hier bin ich, du hast mich gerufen“ Die Berufung geschieht fast immer gegen bzw. ohne den Willen des Berufenen: Propheten sind „gewaltsam bezwungene“ Menschen (vRad II, 66) so auch

Am.7, 15: Ich bin kein (Berufs-) Prophet, „aber der Herr nahm mich von der Herde…“,

insbesondere gilt das für Jeremia und Jona. Der Dienst des Propheten ist eben kein Kuscheljob, weil Jahve kein Kuschelgott ist. Stellvertretend für die „typische“ Berufung eines Propheten wird der Berufungsbericht von Jeremia als grundlegend angesehen und behandelt, danach Jona, Hesekiel und Jesaja. Als neutestamentliches Pendant könnte etwa Joh.15,16 herangezogen werden.

Der Auftrag des Propheten

Der kritische Auftrag der Propheten ist zuerst einmal ganz offensichtlich und klar der Ruf zur Umkehr, die Aufforderung zum Halten des Bundes mit seinen Einzelgeboten. So ist es vor allem bei Jeremia und bei Jona. Ziel ist die Rückkehr des Volkes zu Gott, die Wiederherstellung der Bundestreue, das Beachten seiner Gebote.

Bei Hesekiel liegt schon ein etwas anderer Akzent vor: Er erhält den Auftrag zum Reden unabhängig vom Erfolg. Hes. 2, 1-7:: „rede meine Worte zu ihnen, ob sie nun hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus des Widerspruches“ (V.7) Es ist ein Wächteramt mit persönlicher Haftung (3,16-21). Er haftet aber nicht für den Erfolg seiner Mission, sondern lediglich für die korrekte Ausrichtung.

Geradezu unglaublich hart jedoch ist die Auftrag zur Verstockung in der Vision des Jesaja. Ziel seiner Sendung ist beinahe das Gegenteil von der Sendung des Jeremias und Jonas, die ja auf Umkehr und damit auf das Heil des Volkes ausgerichtet sind.

In der Mitte zwischen beiden liegt das bedingte, zaghafte „vielleicht?“ von Zephanja (2, 3) und Amos (5, 15), das allerdings auch Jeremia kennt (Jer.36, 3 und 7), ähnlich auch noch Joel (2,14: „wer weiß“?). Doch auch dies kann hier nicht weiterhelfen, denn dort ist ja doch noch Hoffnung intendiert, so wie im Auftrag des Hesekiel. Am ehesten ist noch die harte Rede von Jer. 7,16 anzuführen: „Du sollst für dieses Volk nicht bitten“: die Geduld Gottes hat irgendwann auch einmal ein Ende.

Dass der Prophet trotzdem unter Lebensgefahr reden soll, obwohl der Untergang schon feststeht, kann dann nur den einen Sinn haben, dass dieses Volk durch den Untergang hindurch muss, bevor es wieder lernfähig wird. (Vergleichbares fordern die Bedingungen für eine Therapie bei den Anonymen Alkoholikern: Bevor ein Hilfesuchender nicht ganz unten in der Gosse liege, könne nicht mit einer erfolgversprechenden Therapie begonnen werden.)

Quellen

Die Berufungsgeschichten

Jer.1,4–19 Es wird gleich eine doppelte Ambivalenz des Auftrages deutlich: Einmal geht dem Auftrag in Jer.1,5 zwar eine ergreifende Zusage voraus. Hierzu werden als Parallelen noch Jes. 49.1, auch eine Art Berufungsgeschichte, und Ps. 139,15f gelesen. Dennoch ist diese Zusage verbunden mit einer imperativen Überrumpelung.

Zum zweiten ist die andere Ambivalenz, die später in der Auseinandersetzung mit den falschen Propheten in den Vordergrund treten wird, die Unterscheidung zwischen Gotteswort und Menschenwort (Jer.1, 9). Zum näheren Verständnis können als Parallele herangezogen werden:

Hes.2,8-10. sowie als ntl. Pendant gelesen:
2 Kor.4,7 der Schatz in irdenen Gefäßen.

Das hebräische Wortspiel mit dem Mandelzweig (Jer.1,11: der (Er-)wachende: treibt im Januar schon Knospen, während die anderen Bäume noch „schlafen“) macht deutlich, dass es hier nicht um Jeremia geht, noch nicht einmal um die gesamte Bevölkerung, sondern um die Beständigkeit Seines Wortes. Dazu der Hinweis auf Jes. 54,10f: Das vom Propheten ausgesprochene Wort Gottes kommt nicht wieder leer zurück.

 

 

Jona 1,1-3 Das ganze Buch Jona ist quasi eine einzige Berufungsgeschichte und kann

 

Jona 3,1-5 als bekannt vorausgesetzt werden. Verständnis von Auftrag und Berufung des Propheten sind weithin ähnlich wie bei Jeremia. Als neuer Aspekt kommt die Weigerung und Überrumpelung des Propheten hinzu mit ihrer erfrischend ehrlichen menschlich – allzu menschlichen Komponente.
Hes. 2-3 Die grandiose Vision Hes. 1-3 gab von jeher Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen und zu Spekulationen über die Gottheit. Daher werden aus Kap. 2 und 3 nur auszugsweise die Berufung und der Auftrag des Propheten im Vergleich mit Jeremia, Jesaja und Jona behandelt.Hesekiel wird in seinem Auftrag dadurch entlastet, dass er als beauftragter Bote für den Erfolg seiner Verkündigung keinerlei Verantwortung trägt, sondern lediglich für die treue Ausrichtung der Botschaft gerade zu stehen hat. In diplomatischen Kategorien gesehen ist Jeremia ein Bevollmächtigter (Jer. 1,10), Hesekiel dagegen ein Beauftragter. Das macht ihn auch weniger leidensanfällig als den hochsensiblen Jeremia. 
Jes.6 In einer Vision seltener Erhabenheit erlebt Jesaja die Ambivalenz einer Gottesbegegnung in den gegensätzlichen Erfahrungen des fascinosum und des tremendum. Das trishagion ist bis heute über die neutestamentliche Vermittlung in Apc. 4,9 durchgängige liturgische Komponente jeder Abendmahlsfeier.

Die Vision wird gern auf den Aspekt der Berufung reduziert und als Urbild persönlicher Berufungserfahrungen geschätzt und interpretiert. Der in seiner kompromisslosen Härte schier unglaubliche Auftrag zur Verstockung statt zur Umkehr wird dann marginalisiert – insbesondere wenn die Verfasserschaft eines einzigen Jesajas angenommen wird.

 

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

  1. Die Propheten Jeremia, Jesaja, Jona und Hesekiel reagieren unterschiedlich auf ihre unerwartete Berufung. Bei welchem der vier Propheten würden Sie ihre eigene Berufung durch Gott am ehesten wiederfinden?
  2. Was bedeutet die Zusage an Jeremia „Siehe, ich lege heute meine Worte in Deinen Mund“ (Jer. 1,9) für Ihre eigene Verkündigung? Wo und wie unterscheiden Sie heute zwischen Gottes Wort und Menschenwort?
  3. Wie stehen Sie zu dem Auftrag an den Propheten Jesaja, das Herz des Volkes zu verstocken? Könnten Sie sich solchen Dienstauftrag für Ihre erste Stelle in der Gemeindeleitung vorstellen?

2. Die Sprache der Propheten

Einführung

Die Propheten haben zum Volk in einer Vielzahl unterschiedlicher Sprachformen geredet. Es ist wichtig, diese verschiedenen Sprachformen zu kennen und unterscheiden zu  lernen. Die einzelnen Botschaften der Propheten treten dann klarer aus ihrem manchmal schwierig zu erfassenden Zusammenhang hervor. Die einzelnen Botschaften sind ja erst nachträglich zusammengestellt und aufgeschrieben worden. Die wissenschaftliche Bestimmung der Sprachgattungen prophetischer Rede hilft also, ihre Besonderheit zu erschließen. Daher ist es wichtig, vor jeder Auslegung eines Prophetentextes die vorliegenden Gattungen zu bestimmen.

Es gibt hier eine grundlegende sprachwissenschaftliche Übereinstimmung auch innerhalb der Theologie. Nur einige Einzelheiten sind strittig, so z.B., die Frage, ob das Scheltwort eine eigene Gattung neben dem Drohwort sei oder ob es eine Untergattung der Drohworte sei. Dies kann man gut dahingestellt sein lassen.

Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung der Ausleger über die Gattungen prophetischer Rede fördert sowieso eher das grundlegende Missverständnis, bei den biblischen Texten handele es sich um literarische Prozesse und Abhängigkeiten statt um das Echo tatsächlicher Gottesbegegnungen. Hier hat die historisch-kritische Forschung neben ihren unbestrittenen Verdiensten um die Erschließung der biblischen Schriften auch erhebliches Unheil angerichtet durch eine unkritische Haltung ihrer eigenen Methode gegenüber. Deswegen ist die Hermeneutik das Alten Testamentes hier zu behandeln. Insbesondere ist zu klären, dass eine messianische Deutung der Prophetenbücher kein unstatthafter christlicher Eintrag in das jüdische Schrifttum darstellt, sondern dass die Prophetenbücher in sich selber den Keim für eine messianische Deutung tragen und ohne diese ganz entscheidend verkürzt würden.

Die Gattungen prophetischer Rede

Sprachwissenschaftlich herrscht weithin Konsens über die Gattungen, die innerhalb der Prophetenbücher vorzufinden sind. Es sind überraschend viele, die innerhalb der einzelnen Schriften noch bunt durcheinander gemischt auftreten.

Grundlegend ist die Unterscheidung zwischen Prophetenspruch und Prophetenbericht. Weiterhin benutzen die Propheten zahlreiche Redeformen, die wie Spott- und manche Leichenlieder voll Zynismus vorgetragen werden. Hier ist es besonders wichtig, die Untertöne bestimmen zu können.

Nach dem Standardwerk von Sellin-Fohrer sind folgende Gattungen zu unterscheiden, denen hier jeweils ein Beispiel zugeordnet wird:

Sprachwissenschaftliche Kategorien:

1. Prophetenspruch

– Drohwort:

gegen einzelne

gegen Völker: fremde:

eigenes:

kombiniert mit Scheltwort,

mit Begründung:

ohne Begründung:

– Scheltwort (umstritten ob eigene Gattung),

– Weherufe (ursprgl. aus Fluch)

Heilswort oder Verheißung

für einzelne

für eigenes Volk

für fremde Völker

z.B.:

 

Jer. 17,5

Jes. 13-14

Jes.1

Jes. 5,8-10

Jes. 3,1-9

Jes. 3,25ff

Jes.1,2-3

Jes. 1,4ff.

 

Jer. 17,7f

Jes. 40,1

Jes. 66,18f

 

2. Prophetenbericht

– Seherspruch                                                                      

– Visionsbericht                                                                     

– Auditionsbericht                                                                 

– Berufungsbericht

– Bericht über symbolische Handlung

 

 

1.Kg 22,17

Jes. 6

Jes. 5,9

Jes. 6

Jes. 8

3. nachgebildete Redeformen                                             

– Trinkspruch                                                                       

– Spottlied                                                                               

– Leichenlied                                                                          

– Hymnen                                                       

– Klagelieder                                                                          

– Weisheitssprüche                                                               

– Rätsel/Gleichnis                                                                

(nach Sellin, Ernst und Georg Fohrer, Einleitung in das AT, München 1965, S. 384 ff)

 

Jes.5,11-13

Jes. 23,15f

Jer. 16,5.

Jes. 12

Am. 5,2f

Jer. 9,22

Hes. 17; 21,5

Theologische Kategorien:

Mindestens ebenso wichtig wie eine sprachwissenschaftliche Analyse ist die theologische Analyse und saubere Differenzierung der Prophetenworte. Theologisch gesehen, handelt es sich hierbei

  1. formal

bei den oben unter 1. aufgezählten „Prophetensprüchen“ nämlich um zwei völlig unterschiedliche Kategorien: einmal um einen Gottesspruch und zum anderen um ein Prophetenwort.  Der

– Gottesspruch                               

ist eine besondere Form, die mit einer „Botenformel“ eigens eingeleitet wird, die an die Diplomatensprache anklingt und die besondere Autorität Gottes herausstellt. Der Gottesspruch wird eingeleitet etwa mit: „so spricht Jahve“ / „Spruch Jahves“ / „so spricht der Herr der Heerscharen“ etc. In vielen Fällen wird der Gottesspruch sogar doppelt eingeleitet als besonderer Ausdruck des Heiligen, oft auch mit derselben Formel als Schlussformel beendet. Dieser mit einem „Botenspruch“ abgesetzte besondere Teil der prophetischen Botschaft ist zu unterscheiden vom

– Prophetenwort,

das in den meisten Fällen vorangeht und/oder angehängt ist. Dieses führt den Gottesspruch ein, begründet ihn oder erläutert ihn nachträglich, ergänzt ihn auch durch Konkretionen oder Handlungsanweisungen.

  1. inhaltlich

handelt es sich bei den Drohworten, Scheltworten und Weherufen um nichts anderes als um die Konkretisierung, Androhung oder Ausrufung von einem

– Fluch

und bei den Heilsworten, Verheißungen etc. um nichts anderes als um die Konkretisierung, Androhung oder Ausrufung von einem gegenwärtigen oder künftigen

– Segen

Gottesspruch oder Prophetenwort

ist die Form der Botschaft der Propheten.

Fluch oder Segen

ist der Inhalt der Botschaft der Propheten.

Fluch- und Segenscharakter des Prophetenspruches

Fluch oder Segen ist also letztlich der Inhalt der Botschaft der Propheten. Zugegeben: das ist hart – aber:

Propheten reden nicht übers Wetter.

Grundlegend ist hier natürlich die alte Bundes-Tradition etwa aus Dt. 11, 26ff: „Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch…“. Diese Bundes-Tradition scheint besonders deutlich durch bei Jer. 17, 5-8.  Aus dieser Alternative folgt dann der Ruf zur Umkehr und die Unheils-, oder Heilsverkündigung usw..

Heutige Aufgeklärtheit verbannt Vorstellungen wie Fluch oder Segen in das Reich der abergläubischen Magie. Sie werden identifiziert mit Märchenvorstellungen von Verzauberungen o.ä.

Demgegenüber ist festzuhalten, dass Fluch und Segen Realitäten sind, die nicht damit wegerklärt werden können, dass sie schlichtweg geleugnet werden. Worte sind nicht Schall und Rauch.

Das AT hat eine dynamische Auffassung von Sprache, die sicherlich realitätsnaher ist als die zeitgeistige Leugnung der Macht des Wortes. Gottes Wort ist schöpferisch und ruft die gesamte Welt ins Leben (Gen.1)  Prophetenworte sind „Wirkworte“ (vgl. v.Rad, 90).

Selbstverständlich kann Sprache heilend oder zerstörend wirken. Worte können wie Gift sein oder wie Medizin. In der Pädagogik ist das experimentell längst nachgewiesen. Die Botschaft: „das schaffst du nie!“ wirkt auf Kinder lähmend und zerstörerisch. Die Botschaft „Das schaffst du!“ setzt Kräfte frei und wirkt ermutigend und erfolgsverheißend. Dasselbe gilt für jede Gesprächstherapie.

Bekanntestes Beispiel aus der Literatur ist: Max Frisch, der Andorranische Jude

Einen Fluch- und Segenscharakter des Wortes gibt es, aber „nur eine Schraubendrehung weiter“ (so Reinhold Ruthe mündlich) ist es Magie.

Zeichenhandlungen

Eine der wichtigsten Mitteilungsformen der Schriftpropheten sind die nonverbalen Zeichenhandlungen. Auch sie haben Wirkcharakter. Zeichenhandlungen reichen von relativ harmlos Handlungen wie dem vergrabenen Gürtel (Jer. 13) bis zum handfesten Skandal wie der Ehe des Hosea (Hos. 1 und 3).

Zeichenhandlungen sind nicht nur pädagogische Veranschaulichung, sondern „schöpferische Präfiguration des Kommenden, dem die Verwirklichung auf dem Fuße folgen musste.“ (vRad, 105). Den Zeichenhandlungen liegen ursprünglich magische Handlungen zugrunde, die das Dargestellte herbeizwingen wollen (Sellin-Fohrer, 384). Daher gilt auch hier die Warnung: eine Schraubendrehung weiter, und es ist Magie.

Zeichenhandlungen können ebenso Droh- wie Trostbotschaft beinhalten. Als eine der wichtigsten und eindrucksvollsten Zeichenhandlungen wird der Ackerkauf des Jeremia in Anatot (Jer. 32) während der Belagerung Jerusalems gelesen und besprochen.

Die Reformation hat die religiöse Symbolik weithin abgeschafft. Damit hat sie sich selber arm gemacht. Erst neuerdings werden auch in den evangelischen Kirchen Zeichenhandlungen wieder entdeckt.

Hermeneutik prophetischer Rede

Das Verständnis der Schriftpropheten hängt nicht zuletzt von den hermeneutischen Vorentscheidungen ab, mit denen man das AT liest. Deswegen muss hier davon die Rede sein.

Christliche Auslegung des AT

Eine Auslegung des AT durch die Brille des NTs ist nicht, wie von manchen atl. Wissenschaftlern behauptet, unwissenschaftlich, sondern selbstverständlich. Denn das AT ist religionsgeschichtlich völlig einmalig. Es „kann nicht anders denn als das Buch einer ins Ungeheure angewachsenen Erwartung“ gelesen werden.“ (vRad, 341). „Aber merkwürdigerweise war keine Erfüllung in der Geschichte imstande, diese Erwartung zu befriedigen.“ (ebd. 339) Das AT und insbesondere die Prophetenbücher weisen auf etwas hin, was sie nicht selber beinhalten. Deutlichstes Beispiel hierfür sind die bestehenden Aporien bei der Auslegung der Gottesknechtlieder Jesajas.

Mit einem musikalischen Vergleich gesehen erscheint das ganze AT wie ein wie ungeheuer großer, über Jahrhunderte gebildeter Quartsextakkord, der zwar ein definitives Endebezeichnet, das aber nichts anderes bedeuten kann als den Verweis auf beginnendes Kommendes, das doch vollständig offen bleiben muss. Es hat wohl Bezug zum bisher Gehörten, kann aber aus ihm gerade nicht organisch entwickelt werden. Jede Theologie, die versucht, das AT sozusagen chemisch rein abgesehen vom NT zu interpretieren, geht damit an der religionsphänomenologischen besonderen Individualität des AT völlig vorbei.

Sowohl Jesus selber als auch seine Jünger sowie die Kirche vom ersten Anfang an haben unbestritten sein gesamtes Leben von der Geburt bis zur Auferstehung als die Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen verstanden. Hierfür gibt es zahlreiche Belege. Die gewichtigste „Brücke“ zwischen AT und NT ist der Schriftbeweis. (bes.: Kreuzigung und Auferstehung) Er ist integrativer Bestandteil unseres christlichen Glaubens.

Besondere Bedeutung haben noch die zahlreichen „Brücken“ in Form der Typologischen Deutung des AT. Sie zeigt eine Entsprechung zwischen AT und NT auf, wobei aber die Weissagung etwas anderes ist als die Erfüllung, der Typus weniger als das, worauf er verweist (vRad, 350). Mit dieser Steigerung ist interessanterweise auch eine gewisse Distanzierung vom AT gegeben. (R.5,15: „aber nicht so …um wieviel mehr…“)

Es gibt in der Bibel Typologien unterschiedlichster Art: angefangen bei grundlegenden Typologien wie der Adam – Christus – Typologie in Röm. 5 bis hin zu seit jeher strittigen Typologien wie dem Hohelied Salomos: Gott bzw. Jesus als Liebhaber- die Synagoge / die Kirche (kath.: Maria) / die Seele als Braut.

Zur Hermeneutik gehört auch die wissenschaftliche Erforschung der Bibel hinzu. Theologisch-wissenschaftliche Bibelforschung führt zu einem tieferen Verständnis der Heiligen Schrift und darf nicht verteufelt werden. Problematisch ist dabei allerdings eine Wissenschaft, die sich über die Bibel meint stellen zu sollen. Besonders umstritten ist dabei gegenwärtig die sogenannte historisch-kritische Methode.

Historisch – kritische Auslegung

Die historisch – kritische Methode hat unbestritten erheblichen Erkenntnisgewinn für die theologische Forschung gebracht und eine Emanzipation der Theologie von kirchlich  – dogmatischer Bevormundung bewirkt. Als Methode zur Auslegung der Prophetenbücher ist sie jedoch mit Vorsicht zu gebrauchen, weil sie ebenso sehr den Weg verstellen kann. Auf die grundsätzliche Problematik kann hier nur in aller Kürze eingegangen werden.

Der historisch – kritischen Methode ist vor allem vorzuwerfen, dass sie unkritisch ist ihren eigenen Voraussetzungen gegenüber und damit ihrem Gegenstand, der Auslegung einer biblischen Schrift, nicht gerecht werden kann.  Insbesondere vier Punkte müssen ihr vorgeworfen werden:

  • sie verneint, was ihrem Wirklichkeitsverständnis zuwider läuft
    Das überholte Wirklichkeitsverständnis des 19. Jh. geht davon aus, dass es nur das gäbe, was messbar, wägbar und zählbar ist. Nur das sei „wahr“, was experimentell zu jeder Zeit wiederholbar sein. Aber Leben ist nicht wiederholbar, Leben ist mehr als das Messbare, Wägbare und Zählbare. Damit ist ungewollt, hart ausgedrückt,  methodischer Unglaube eine Arbeitsvoraussetzung der historisch-kritischen Methode.  So wird von vornherein vorausgesetzt, dass es das Phänomen einer Voraussage zukünftiger Ereignisse nicht gäbe und derartige Schriftstellen als vaticinia ex eventu anzusehen seien. Damit kommt am Ende als „Beweis“ genau das heraus, was als Vor-Urteil vorausgesetzt ist.
  • sie dreht die Beweislast um zuungunsten der Schrift
    In der traditionellen Theologie werden die Wahrheit und die Klarheit der Schrift vorausgesetzt mit dem Axiom: scriptura sui ipsius interpres. Die historisch-kritische Methode dreht die Beweislast um zuungunsten der Schrift und hält im Zweifel alles für unecht, was nicht als echt angenommen werden muss. Damit ist methodischer Zweifel eine Arbeitsvoraussetzung der historisch-kritischen Methode.
  • sie subsumiert Gotteserfahrungen unter literarische Prozesse
    Vergleichbare Gotteserfahrungen der Propheten werden nicht im Sinne einer Gleichzeitigkeit religiöser Erfahrungserlebnisse interpretiert, sondern als literarische Abhängigkeit, wobei der spätere dann selbstverständlich als epigonenhaft oder unecht eingeschätzt wird.
  • sie benötigt für ihre Schlüssigkeit „Korrekturen“ des Bibeltextes
    Mit der natürlich nicht nachprüfbaren Behauptung eines späteren Einschubes kann jeder Gedanke eines Propheten, der nicht in die Konzeption hineinpasst, als Argument eliminiert werden. Was nicht passt, wird passend gemacht.

Insgesamt ist die historisch-kritische Methode lediglich scheinkritisch, nämlich zwar der Überlieferung gegenüber kritisch, ihren eigenen Voraussetzungen dagegen aber unkritisch. Die Wucht der prophetischen Botschaft wird damit reduziert auf den Horizont eines gelehrten theologischen Philologen des 19. Jahrhunderts, der die originale Religiosität eines Propheten aus der Froschperspektive seiner literaturvergleichenden Schreibtischtätigkeit her beurteilt.

Darüber hinaus gilt natürlich für jeden Entwurf theologischer Wissenschaft, dass er zeitbedingt und damit relativ ist und sich selber ständig auch infrage stellen muss. Theologische Erkenntnisse sind noch lange keine Glaubenssätze. Ob das Buch Jesaja in seiner heutigen Gestalt von einem, zwei, oder drei Verfassern stammt, ist eine Frage der theologischen Erkenntnis und darf nicht zur Glaubensfrage erklärt werden.

Quellen

Fluch und Segen

Jer. 17, 5-8: In der Weiterführung der Bundestradition zeigt sich, dass die atl. Propheten keine Individualistische Botschaft verkündigen, obwohl sie selbst geradezu Urbilder von Individualisten sind. Vielmehr stehen sie fest in der überlieferten Bundestradition, wie sie besonders für das Nordreich kennzeichnend ist. Der Bund Gottes mit dem Volk Israel fordert das Halten der Gebote des Bundes. Dieses wird mit Segen belohnt, ein Nichthalten mit einem Fluch bestraft.

Exkurs: Die Weiterführung der Fluch- und Segenstradition: Diese Fluch- und Segenstradition ist zugleich mit dem Bild des Baumes im Psalm 1 (der doch wohl später zu datieren ist als Jer. 17) übernommen und mit dem Psalm 1  dem ursprünglich mit Ps. 2 beginnenden Psalter vorangestellt worden. Hier ist der Fluch deutlich weniger gewichtet als der Segen.

Man kann in der Voranstellung der Seligpreisungen Mt.5, 1-10 in der Bergpredigt, die ja auch quasi am Anfang des Evangeliums und unseres kanonischen NTs steht, eine Weiterführung dieser Segenslinie sehen. Dort ist der Fluch völlig weggelassen, obwohl die Bergpredigt ja auch durchaus harte Worte enthält. Dem entsprechen würde dann die Verkürzung des Jesaja –Zitates aus Jes. 61 bei der Antrittspredigt Jesu in Nazareth Lk.4, 9.

Jes. 55: hier insbesondere die Verse
Jes. 55,10f: als Belegstelle für die Wirkkraft des Wortes Gottes, die sich dann auch im Prophetenwort direkt auswirkt:
Jer.1, 10: Das Prophetenwort wird zerstören und verderben oder bauen und pflanzen

Für Segen und Fluch allgemein z.B.:

Nu. 22,6: Wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht.“, aber:
Spr. 26,2: „ein unverdienter Fluch trifft nicht ein“
Jer. 32: Jeremia handelt für realpolitisch denkende Menschen schlichtweg selbstzerstörerisch, indem er aus seinem Privatvermögen ein Grundstück während der Belagerung Jerusalems kauft. Aber er haftet mit seiner ganzen Person und mit seinem Vermögen für die Richtigkeit seiner Prophezeiung.

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion

  1. Die IT-Entwicklung hat mit der lawinenartigen Vermehrung der Informationsmenge eine Verflachung der Kommunikation gebracht. Gibt es noch so etwas wie Wirkworte mit Fluch- oder Segenscharakter?
  2. Die Zeichenhandlungen der Propheten waren oft provokativ. Wahrscheinlich würde Ihre Gemeinde nicht akzeptieren, dass Sie als Protesthandlung eine Prostituierte heiraten. Wo sehen Sie die Grenzen von Zeichenhandlungen?
  3. Wo liegt die Grenze zwischen einer (beliebigen) theologisch – wissenschaftlichen These und einer (nicht mehr beliebigen) Glaubensaussage, wenn es etwa um die Verfasserschaft des Buches Jesaja geht?

3. Die Unheilsbotschaft

Einführung:Die äußeren Voraussetzungen der Drohbotschaft

Es ist eine böse Zeit“ so fasst Amos (5,13) die Lage seines Volkes aus der Sicht des Propheten zusammen – sicherlich auch stellvertretend für die Propheten, die nach ihm kamen und ebenso für die Propheten des anderen Reiches. Es gab einen weitreichenden Abfall des Volkes vom Gott seiner Väter. Dieser zeigte sich:

  1. Kanaanäische Kulte drangen in den Alltag der Bevölkerung ein, so etwa Fruchtbarkeit versprechende Muttergottheiten, die vor allem von den Frauen verehrt wurden. Dies belegen auch die zahlreichen Funden von Terrakotta-Figuren, die Astharthe oder andere bodengebundene Muttergottheiten darstellten. Daneben drangen jugendliche Vegetationsgottheiten ein (vielleicht ist der Tanz um das Goldene Kalb Ex. 32 ein erster Beleg dafür). Die Gefahr bestand schon dadurch, dass die alten Heiligtümer Sichem, Bethel und Silo ursprünglich alte kanaanäische Heiligtümer waren, wo sicherlich der eine oder andere Brauch übernommen wurde.
  2. Die Großmächte verlangten von ihren abhängigen Vasallenstaaten und natürlich noch mehr von ihren unterworfenen Staaten, dass sie die Götterstatuen der Siegermacht in ihren Tempel hineinstellen und diese verehrten.
  3. Es gab bereits so etwas wie eine Globalisierung im Durchgangs- und Durchzugsland Palästina durch Übernahme von Fertigkeiten, Kenntnissen und Ordnungsprinzipien aus Ägypten, Assur und Griechenland/Phönizien. Schon 1.Kg. 11 monierte die ausländischen Frauen in Salomos Harem.
  4. Schließlich gab es schon unter bzw. seit Salomo eine Art von Säkularisierung in einer ersten Periode eine Art von Aufklärung, in der religiöse Inhalte und kultische Vorschriften weithin durch Weisheitsregeln und Alltagsmoral ersetzt wurden. Vor allem kultische Inhalte wie die komplizierten Opfer und die Vorschriften zur Reinheit wurden vernachlässigt, aber auch die sozialen Vorschriften etwa zum sozialen Ausgleich durch Erlasszeiten oder die strengen Sabbat-Vorschriften. Die Bücher Kohelet und Sprüche geben von dieser Verflachung Zeugnis.

Die prophetische Kritik setzt in den schnell aufeinanderfolgenden krisenhaften Situationen dieser bewegten Zeit an bei den beiden hauptsächlichen Ausprägungen des Unglaubens: in politischer Hinsicht bei der Machtpolitik als Ausdruck des Unglaubens, und in religiöser Hinsicht beim Synkretismus als Ausdruck des Unglaubens. Beides hängt letztlich auch zusammen.

Machtpolitik als Ausdruck des Unglaubens

Durchgehender Tenor der prophetischen Kritik, besonders bei Jesaja: Das Volk bzw. seine Führung darf sich nicht auf Rosse und Reiter verlassen, sondern auf den Herrn. Die Propheten nehmen hiermit die alte Überlieferung vom Heiligen Krieg wieder auf. Diese ist ursprünglich eine eher defensive: Gott selber ist der Handelnde, nicht der Kriegsherr. In der Erfahrung des Gottesschreckens hat das Volk Israel gelernt, dass Gott selber in der menschlich aussichtlos erscheinenden Lage ihnen hilft.

Sie zieht sich durch das ganze AT hindurch: Gott lässt David gegen Goliath gewinnen. Gott ist mit den Machtlosen, Elenden, Armen, zahlreicher Psalmen, (zB. Ps. 9). In den messianischen Verheißungen wird diese Linie weiter durchgehalten mit dem Gedanken: Schwerter zu Pflugscharen: Jes. 2,4 und Mi. 4,32.

Im Neuen Testament formuliert Jesus diese Glaubenserkenntnis noch dezidierter etwa in den Seligpreisungen. Auch die Gottesknechtlieder sind nur auf diesem Hintergrund zu verstehen, schließlich auch die Deutung des Todes Jesu in den Evangelien. Ihren kultisch-liturgischen Höhepunkt findet sie dann etwa im Philipperhymnus.

Synkretismus als Ausdruck des Unglaubens

Angesichts des beschriebenen Eindringens kanaanäischer Kulte in die religiöse Praxis war der Bund mit dem grundlegenden ersten Gebot des Monotheismus heillos beschädigt. Es handelte sich hier nicht um eine grundsätzlich Absage des Volkes an den Gott der Väter, sondern um eine Religionsvermischung. Die Verlockung, es im Bedarfsfall einmal mit fremder göttlicher Hilfe aus dem Kult der in manchen Dingen entwickelteren und  überlegeneren ortsansässigen Ackerbau- und Städtegesellschaft zu übernehmen, muss sehr groß gewesen sein. Dies traf wohl vor allem auf Frauen zu, die von den Fruchtbarkeitsriten der kanaanäischen Bevölkerung sich Hilfe versprachen. Dazu mag ortsansässiger Aberglaube, Totenbeschwörungspraxis und dergleichen hinzu gekommen sein.

Dies musste natürlich den JHVH-Glauben bis ins Mark erschüttern. Die Mehrzahl der Bevölkerung sah das wohl lockerer, Man hatte ja nicht dem Glauben der Väter abgeschworen, und hielt sich – wenigsten an offiziellen Festen – ja noch an die Vorschriften. Man tat halt beides nebeneinander, wie es in der antiken Welt ja auch durchaus üblich war.

Besonders kräftig konnte der prophetische Protest dort mit Hilfe der Ehe-Metaphorik formuliert werden: JHVH wurde als Ehemann seiner Braut, des Volkes Israel, durch die Hurerei mit fremden Götter noch mehr beleidigt als durch eine Abkehr und eine Aufkündigung der Ehe. Das Fremdgehen vor den Augen des eigenen Ehemannes ist eine noch viel größere Schamlosigkeit als die heimliche Abkehr. Dies traf dann auch besonders auf das Aufstellen einer Götterstatue der Siegermacht im Jerusalemer Tempel zu. Die grausamste Verfehlung war dann die unglaubliche Tatsache, dass Kinderopfer von den Kanaanäern übernommen und als Wille Gottes vollzogen wurden (Jer. 7, 29).

Exodustradition und Alleinanspruch Jahves

In der Situation der Untreue des Volkes nehmen die Propheten Rekurs auf die vergangene Geschichte des Volkes im Exodus und am Sinai. Diese Tradition war vor allem im Nordreich lebendig. Die Geschichte Israels war von Anfang an ein ständiger Abfall des Volkes, erforderte dann immer wieder Buße und dann ein ständig neues Erbarmen Gottes. Schon im Sinaibund hatte Gott die Vertragstreue des Volkes eingefordert (Ex.19,5). Das Volk hat dies immer wieder missachtet. Regelrecht ergreifend trauert Gott als abgelehnter Liebhaber um die einstige Liebe seiner Braut in dem Klagepsalm Jes. 65 und in dem Weheruf Jes.1. Dabei wird deutlich, wie der Sinaibund nicht primär als eine Pflicht zur Erfüllung von atomisierten Gesetzespflichten angelegt war, sondern als eine heilige Liebesbeziehung. Noch kräftiger bringt dies Hosea zum Ausdruck in der grenzwertigen Zeichenhandlung einer Ehe mit einer Prostituierten (Hos. 1 – 3).

Quellen

Machtpolitik als Ausdruck des Unglaubens

Jes. 31, 1-3: als schönes Beispiel der ungebrochenen Fortführung der defensiven Linie der Heiligen-Krieg-Tradition. Hintergrund ist die Schlacht bei Eltheke um 701. Drei Punkte können herausgearbeitt werden:

1.   Vertrauen auf Gott statt auf Waffen

2.   Kampf gegen Gewalt geht letztlich nicht mit Gegengewalt

3.   Der Versuch, der Strafe Gottes auszuweichen, macht alles nur noch schlimmer. dazu:

Jes. 7, 1-9: Hintergrund ist der Anfang des syrisch-ephraimitischen Krieges  (734): Syrien und das Nordreich sind ja schon angezählt! Von Angst befreit, sollte das gläubige Handeln besser sein als das ungläubige.
Jes. 7,9 tritt zum ersten Mal der Begriff nma ((aman: Glaube) im uns vertrauten Vollsinn auf. Dabei kann Glaube durchaus auch ambivalent wirken:Glaube (im Sinne von Vertrauen) vertreibt die Angst.Glaube (im Sinne von dogmatischer Korrektheit) kann aber auch Symptom von Angst sein.
Jos. 10,7ff: Ri. 7,19ff; 1.Sam. 5,11 als Belegstellen zum Phänomen des Gottesschreckens

 

 

Synkretismus als Ausdruck des Unglaubens

Jer. 10,1-14: Hohn und Spott über die „Nichtse“. Es wechselt sarkastischer Ton mit hymnischen Stil ab, V. 11 ist eine aramäische Abschwörungsformel. Eine Parallele findet sich in Ps. 115,4-7. dazu noch:
Jer. 7, 16ff: Der Hintergrund der Abrechnung mit den fremden Kulten in Jer. 7,16ff (der nicht mehr zur Tempelrede gehört!) ist der Kult der Himmelskönigin (babylon. Ischtar, evtl. kanaan. Astarte). 7,21 ist die Persiflage eines heidnischen Wallfahrtsliedes wie in Am 4, 4-7.

zynisch: freßt euch satt bei eurem menschlich-sinnlicher Opferbetrieb! aus dem Text muss man durchaus schließen, dass manche diese grausamen Kinderopfer als Opfer für den Herrn verstanden! Ein Heiligtum als Begräbnisstätte bedeutet natürlich den Gipfel der Entweihung im „Mordtal“. Tofed war ein                                              Ort im Tal Ben-Hinnom mit einem Molochtempel

 

Exodustradition und Alleinanspruch Jahves

Jes. 65, 1-7: Gott in der Rolle eines verlassenen Liebhabers in ergreifender Trauer und
Jer. 2, 1-13: heiligem Zorn

 

 

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion:

 

Welche Antworten gibt es auf folgende Argumente:

  1. Predigten sollen sich nicht in die Politik, schon gar nicht in Fragen der Rüstung und der Außen- und Sicherheitspolitik einmischen. Das hat nämlich mit Glauben nichts zu tun.
  2. Bunt ist angesagt. Eine Vielfalt von Kulturen und Religionen bereichern unsere Gesellschaft. Keine hat die Wahrheit für sich alleine gepachtet. Die Propheten vertreten dagegen eine absolut rückständige Monokultur.
  3. Der strenge Monotheismus der Propheten ist Ausdruck von Intoleranz und letztlich Grund von Streitigkeiten bis hin zu Religionskriegen. Wir haben doch alle denselben Gott!

4. Kritik an Kult und Moral

Der Regelkreis von Religion und Ethik.

Bezeichnend für die Botschaft aller Propheten ist, dass sie durchgängig Kritik am Kult und Kritik an der Moral des Volkes bzw. der Regierenden vermischen. Die eine Kritik springt unvermittelt in die andere über. Es gibt keine saubere Trennung der Sphäre der Religion und der Frömmigkeit von der Ethik und dem sozialen Zuständen im Lande, sondern eine gegenseitige Abhängigkeit. Religion und Moral stehen innerhalb eines Regelkreises in gegenseitiger Abhängigkeit, Interdependenz. Dreht man an der einen Schraube, betrifft das die andere genauso. Degradiert der Kultus zur formalen Routine, wird gleichzeitig die Moral ausgehöhlt, soziale Ungerechtigkeit ist die Folge. Wird aus einer solidarischen Gesellschaft eine Ellenbogengesellschaft, wird der Kultus zur korrekten, aber leeren Show. Abfall von Gott geht immer parallel mit einer Entsolidarisierung der Gesellschaft.

Bei der Kritik am Kultus reden die Propheten immer gleichzeitig von der Moral!

Bei der Kritik an der Moral reden die Propheten immer gleichzeitig vom Kultus!

Dies wird beispielhaft klar in der Tempelrede des Jeremia, die deswegen stellvertretend für die gesamte prophetische Kritik stehen darf. Der Tempel gibt nur eine trügerische Sicherheit, solange der Kultus eine Feigenblattfunktion hat. Interessante mittelalterliche Parallele ist die Anlage der mittelalterlichen Burgkapellen an der verletzlichsten Stelle einer Burg. Statt einen entleerten formal richtigen Kult zu pflegen, soll die Gerechtigkeit im Land wieder hergestellt werden. Die erste Tafel der Gebote ersetzt nicht die zweite.

Als ergänzende Lektüre ist zur Veranschaulichung zu empfehlen, auch die Tempelrede nach der Baruchrolle zu lesen. Danach können die folgenden Einzelpunkte durchaus miteinander ausgetauscht oder bei den jeweils parallelen Propheten gelesen werden. Es handelt sich hierbei um eine Auswahl. Behandelt werden könnten:

 

Kritik der Frömmigkeit: die religiösen Missstände

Kritik am formal korrekten, aber inhaltlich entleerten Kult im Tempel:

Die Propheten äußern schneidende Kritik an der bestehenden entleerten Form der Gottesdienste und Opfer. Diese geht weit über das Maß hinaus, das uns etwa aus den Psalmen geläufig ist und gehen bis an die Grenze, wo der Gottesdienst im Tempel mit seiner Opferpraxis an sich infrage gestellt wird.

Kritik am Fasten:

Die Frömmigkeitsübung des Fastens ist recht spät in die religiöse Praxis des Volkes Israels hineingekommen, wahrscheinlich hängt sie mit Trauerriten zusammen (2.Sam.1,12) und ist von dort in die Bußpraxis übernommen worden (2.Sam.12,16). Schließlich wurde diese individuelle Übung als kollektive Forderung in den offiziellen Kultus übernommen als verbindlich vor jedem Fest. Die Propheten kritisieren, dass Fasten eine Heuchelei gegenüber Gott sei, wenn es als Feigenblatt für soziale Ungerechtigkeit verwendet wird.

Kritik an der Entweihung des Sabbats:

So wie das Fasten ist auch das Halten der Sabbatgebote eine Selbstbeschränkung. Der Verzicht ist die Verbindung zwischen rituellem Fasten und sozialer Hilfe. Der Sabbat ist das Geschenk des Judentums an die ganze Welt. Nach Gen.2, 1-3 ist nicht der Mensch die Krone der Schöpfung, sondern der Sabbat. Die prophetische Kritik zeigt, dass das Halten der Sabbatruhe schon damals nicht selbstverständlich war und ständiger Ermahnungen bedurfte.

Wie oben dargestellt, korrespondieren den Missständen im Kult die Missstände in der Sozialethik. Als Beispiele aus den zahlreichen Belegen werden hier folgende angeführt:

Kritik der Moral: die sozialen Missstände

Die soziale Schere geht weiter immer auseinander, indem die Reichen die Armen betrügerisch ausbeuten:
Am. 8,4-10

Der Wortbruch an den freigelassenen Sklaven: Trickreich werden die Freigelassenen gleich wieder versklavt: Jer. 34, 8-22. Dabei wiegt die Entweihung des göttlichen Namens noch schlimmer als das soziale Unrecht.

Wie überall ist auch hier gerade die Oberschicht bestechlich: Mi. 3, 9- 2

Wie sich die Zustände gleichen: auch damals gab es schon die Klage über die besonders lukrativen Geschäfte der Immobilienhaie: Mi. 2, 1- 5

Ebenso gab es schon den Trend zur Spaßgesellschaft: Jes. 5, 11-16

Schließlich bekommen auch noch einzelne Berufsstände ihre geharnischte Kritik ab, wie die Geistlichen und Verwaltungsbeamten, die das Recht verdrehen: Jes. 10, 1-4

In seiner Sozialkritik schreckt der Hirte Amos auch vor Beleidigungen nicht zurück, indem er die Luxusfrauen des Nordreiches als fette Kühe vom Baschan beschimpft und ihre Ehemänner ironisch Herren bezeichnet: Am 4, 1-3. Dies hat ihm dann als Reaktion Redeverbot und Ausweisung eingebracht: 7, 10.

Quellen

Der Regelkreis von Religion und Ethik: Die Tempelrede

Jer. 7, 1- 15 Die Tempelrede als eine Art Grundsatzpredigt ist eine eingehende Analyse wert. Sie enthält sechs verschiedene Punkte:

1)   der Tempel gibt nur eine trügerische Sicherheit mit der Begründung, dass die Schechina Gottes im Tempel wohne.

2)   in Wirklichkeit dient der Kult nicht der Verherrlichung Gottes, sondern er hat eine Feigenblattfunktion, die herrschende Unmoral der „Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidigen“ zu kaschieren.

3)   Das harte Wort von der Räuberhöhle: wird Mt. 21,13 von Jesus zitiert. Beißende Ironie eines sarkastische Wallfahrtsliedes: Silo als Art Vorläufer des Jerusalemer Tempel (Lade!) ist im 11. Jh. von den Philistern zerstört worden. Statt einen leer gewordenen Kult zu zelebrieren, solle das Volk lieber das Leben bessern:

4)   Gerechtigkeit gegenüber peers:

5)   Gerechtigkeit gegenüber underdogs: Fremden, Waisen und Witwen,

6)   Gerechtigkeit gegenüber Angeklagten: keine ungerechte Todesstrafe.

 

Kritik der Frömmigkeit: die religiösen Missstände

Am.5, 21-27 Kritik am Gottesdienst im Tempel: Diese Art schneidender Kritik muss von der Priesterschaft schlichtweg als Blasphemie und pure Unverschämtheit aufgenommen worden sein.
Jes. 58, 1-12 Kritik am Fasten: Das Fasten dient als Feigenblatt für Ungerechtigkeit. Es stellt eine Heuchelei gegenüber Gott dar, besonders dann, wenn es sauertöpfisch wird.

Hinweis auf Mt. 6, 16-18

Jes. 58, 13 ff Kritik an der Entweihung des Sabbats:

Das Nichthalten der Sabbatgebote war eigentlich mit Todesstrafe bedroht: Ex.31,12ff. Hier steht nicht das Gesetz im Vordergrund, sondern sehr sympathisch der Segen der Sabbatruhe.

Hinweis auf :Mk. 2,23

 

Kritik der Moral: die sozialen Missstände

Am. 8,4-10 Wucher und Unrecht gegenüber den Armen. Hier werden ausnahmsweise schon die Gedanken, nicht erst die Taten angeprangert.
Jer. 34, 8-22 Hintergrund ist die Bestimmung über die Freilassung von Sklaven, also die Forderung der Förderung des sozialen Ausgleiches: Ex. 21,2.
Mi. 3, 9- 2 Wird als eine der ganz seltenen Zitate innerhalb der Prophetenschriften in Jer. 26,18 zitiert! Das Sich-Verlassen auf den Tempel erinnert auch an die Tempelrede Jer, 7.
Mi. 2, 1- 5 ganz ähnlich die entsprechende Anklage bei Jesaja: Jes. 5, 8-10
Jes. 5, 11-16 Das Verdikt über die Spaßgesellschaft ist Teil des „Großen Wehe“:5 ,8-24
Jes. 10, 1-4 es ist unklar, welche Unrechtsverordnungen konkret gemeint sind. noch prägnanter formuliert ist diese Kritik in: Jes. 5, 20- 4
Am 4, 1-3 Hintergrund: Der Baschan ist ein besonders fettes Weideland. Die Strafe ist besonders entwürdigend: sie werden wie Rindviecher mit Ochsenstachel und Fischhaken von hinten gepiekst und damit vorwärts getrieben werden.

 

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion:

  1. Abfall von Gott geht immer einher mit einer Entsolidarisierung der Gesellschaft und einem moralischen Verfall. Wo kann man das bei Jeremia festmachen? Wo ist das in der Gegenwart auszumachen?
  2. Amos (5,21ff) hat recht: statt ein „Geplärr der Lieder“ bei Gottesdiensten zu veranstalten, sollten wir lieber für Recht und Gerechtigkeit im Volk sorgen. Oder doch nicht?
  3. Früher war das alles besser. Viele Menschen sehen die Gegenwart als moralisch dekadent und den Ablauf der Zeit als stetige Abwärtsbewegung. Wie sehen das die Propheten?

5. Die Heilsbotschaft und die messianische Erwartung

Einführung

Die Verkündigung der Gerichtsbotschaft mit ihrer Androhung der schlimmsten Untergangsszenarien, die ja dann auch eintrafen, wurde vom Volk und den Regierenden sowie von der religiösen Führung als Bedrohung und Wehrkraftzersetzung erlebt und entsprechend übel aufgenommen. Dreimal ist Jeremia nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Sicherlich hat nicht nur der Prophet Uria (Jer. 26) für seine Gerichtsbotschaft tatsächlich mit dem Leben bezahlen müssen. Die Botschaften, die die unterschiedlichsten Propheten auszurichten hatten, haben aber fast immer auch Elemente der Verheißung enthalten. Sie waren zuerst einmal sozusagen Lockmittel, mit denen Gott das untreue Volk wieder zur Rückkehr zur Bundestreue bewegen wollte und waren an die tatsächlich vollzogene Umkehr geknüpft. Also Zuckerbrot und Peitsche, die das Volk wieder zur Räson bringen sollten. Dabei ist es regelrecht amüsant, dass  manchen Propheten das Zuckerbrot gar nicht gepasst haben mag, wie es bei der Auseinandersetzung des Jona (4,2) mit Gott deutlich zur Sprache kommt. Knackige Gerichtspredigten fallen einem Prediger eben immer noch am leichtesten. Selbst bei Jesaja mit seinen ungeheuren Auftrag zur Verstockung des Volkes sind immer noch Verheißungen in die Gerichtbotschaften eingestreut. Und ein Jeremia kann auf Gottes Geheiß seine finsteren Drohszenarien unterbrechen durch die Symbolhandllung des Ackerkaufes zu Anatot.

Als dann mit der zweifachen Belagerung Jerusalems und der Deportation der Oberschicht nicht nur die totale politische Krise über Juda hereinbrach, sondern mit ihr noch eine ganz tiefe religiöse Krise, weil die Wohnung der Herrlichkeit Gottes zerstört war und damit sich das Volk ohne göttlichen Beistand verstand – schließlich schien Jahve den Götzen Babylons unterlegen gewesen zu sein -, kam auf diese totale Krise eine Heilsbotschaft der Propheten. In ihrer menschlich gesehen aussichtslosen Lage wird die Mehrheit der Bevölkerung die Propheten erneut für Spinner gehalten haben. Wenn sie auch recht gehabt haben mögen mit ihren Weissagungen des Unheils, so war an eine Wiederherstellung der Integrität des Reiches ja gar nicht zu denken, geschweige denn von den Visionen eines Friedensreiches, dass immer stärkeren transzendentalen Charakter erhielt.

Aber Spinner waren die Schriftpropheten auch in ihren großartigsten Heilsverheißungen ganz und gar nicht. Diese Verheißungen knüpften an das alte religiöse Erbe des Volkes an und verstanden sie in einer neuen Weise. Die Verheißungen wurzeln also in der bisher schon geglaubten religiösen Tradition der Bundestradition (Ex.19,5, s.o.) als Konkretionen von Fluch und Segen und erweiterten sie zu neuen Hoffnungen. Dabei ergeben sich über die Jahrhunderte große Linien:

In der Verheißung der Bundeserneuerung wird noch das Heil für alle vorausgesetzt.

In der Verheißung eines Heiligen Restes wird nur noch das Heil für wenige erwartet.

In der Verheißung eines Davididen wird das Heil für einen Hoffnungsträger erwartet.

In der Verheißung des Zions als Licht der Heiden wird das Heil auch für die Völker erwartet.

In der Verheißung des Neuen Bundes des Gottesknechtes wird endlich das Heil für alle durch einen erwartet.

Die Bundeserneuerung und der Neue Bund

Hosea (Hos. 2, 16-19) setzt den alten Bund im Grunde noch als tragfähig voraus. Auch die Sinai- und die Exodus-Tradition kennt ja das alte Lied vom andauernden Abfall des Volkes vom Bund mit Gott, sobald es ihm richtig gut ging, und die Erneuerung de Bundes durch den gnädigen Gott. Es ist noch ein Locken und neues Werben um die Braut da, denn trotz allem ist das Band der Ehe noch nicht zerschnitten.

Dies ist dann leider doch der Fall bei Hesekiel (Hes. 36, 22-28). Der alte Bund wird nicht mehr als tragfähig vorausgesetzt, weil das Volk mit seinen alten Herzen den Bund nicht halten kann. Heilung ist nur möglich mit einem neuen (nicht: Bund, sondern:) Herzen. Dies geschieht  primär um Gottes willen, um seiner Heiligkeit zu entsprechen. Von einem neuen Bund ist hier noch nicht die Rede.

Dies geschieht erst bei Jeremia (31,31). Nicht nur der Bund ist so beschädigt, dass er nicht mehr wieder aufgenommen werden kann, sondern vor allem die Menschen haben sich als so starrsinnig erwiesen, dass sie nicht mehr wieder im alten Bund neu anfangen können. Gott selber stellt in Aussicht, einen Neuen Bund zu stiften, der dann so beschaffen sein wird, dass auch die Menschen mit ihren bestehenden Schwächen ihn werden halten können.

Diese Auffassung des Bundes Gottes mit den Menschen wird dann von Jesus übernommen und in die Stiftung des Abendmahles als eines Neuen Bundes Gottes mit den Menschen einbezogen. In den Einsetzungsworten Jesu müsste ja nach der Identifikationsformel „das ist mein Leib“ die entsprechende Parallele „das ist mein Blut“ folgen – und gerade in liturgisch-feierlichen Texten hätte die Kirche nie eine Änderung einer solche Formulierung vornehmen wollen. Jesus zitiert beim Kelchwort aber Jer. 31,31 und bezeichnet damit sein Kreuzesopfer als den Beginn eines Neuen Bundes, wie ihn Jeremia geweissagt hatte. Jesus ist nicht der Gesalbte des erneuerten Bundes, sondern des neuen Bundes. Ausführlich wird dies später dann im Hebräerbrief entfaltet werden.

Der Heilige Rest

Angesichts der vernichtenden Wirklichkeit des Gerichtes greifen die Propheten auf eine alte Vorstellung zurück, die aus der Tradition des Heiligen Krieges stammt. Damals war das Ziel der Kriegsführung die totale Vernichtung des Gegners ohne irgendeine gnädige Institutionalisierung, wie sie etwa der Status des Kriegsgefangenen ist. Nach einem solchen Vernichtungsfeldzug blieb aber manchmal ungewollt ein ganz kleiner Rest übrig, der hier zum Heilsträger wird (Jes. 1,7-9).  Dabei ist dieses winzige Weinberghäuschen eher ein Anblick zum Erbarmen als ein Heil- und Hoffnungsträger.

Davidstradition und Messiaserwartung

Während die Bundes – Tradition mit ihrer Weiterführung über den erneuerten Bund zu einem Neuen Bund hauptsächlich im Nordreich und bei seinen Propheten begegnet, ist verständlicherweise im Südreich mit seiner Hauptstadt Jerusalem die Davidtradition besonders lebendig. Miteinander verschmolzen sind beide unterschiedlichen Traditionen erst bei Hesekiel. Die grundlegende Verheißung an David und seine Nachkommenschaft stammt schon vom Propheten Nathan (2.Sam.7). Ursprünglich wird als xyvm (maschiach: Gesalbter) ein König bezeichnet. Dabei gilt die Verheißung zwar ihm, aber primär ihm als Träger seiner Nachkommenschaft, also seinem Sohn, dann seinem Königtum und damit dem Bestand seines Volkes. Nicht er, jedoch sein Thron ist ewig.

Die Nathanverheißung kann man notfalls noch ganz leidlich als eine innerweltliche Prophezeiung ansehen, wenn man den Begriff „ewig“ als übertreibende Huldigungsformel ansieht, so wie sie vielleicht üblich gewesen sein mag. Sie trägt zwar offensichtlich den Keim der Notwendigkeit einer messianischen Interpretation in sich, ist aber auch ohne sie verständlich. Dies trifft für die anderen drei „großen“ Weissagungen der Davidstradition bei Micha 5, Jes. 9 sowie 11 nun eben nicht mehr zu. Alle drei Weissagungen oszillieren in ganz eigenartiger Weise. Auf den ersten Blick sind sie aus sich selber heraus verständlich als Erwartungen des Volkes an einen machtvollen Herrscher, der sie aus der schmachvollen Unterdrückung durch eine fremde Macht erlöst.  Diese Erwartung drücken sie sicherlich auch aus. Je länger man sich mit ihnen beschäftigt, umso stärker tritt aus einem etwas undurchsichtigen Halbdunkel jedoch eine zweite Interpretationsebene hervor, die sich immer stärker aufdrängt, je mehr deutlich wird, dass einige der hier genannten Begriffe in dieser Weise in der Realpolitik eines Herrscherhauses und eines Volkes überhaupt nicht verstehbar sind. Dieses eigenartige Halbdunkel scheint absichtlich zu sein und erinnert stark an die wohl in gleicher Weise absichtlich in die Gottesknechtlieder eingebauten Aporien eines rein innerweltlichen Verständnisses.

Die Interpretation der Geburt des Kindes von Micha 5 etwa auf einen Prinzen mit Hinweis auf Parallelen aus Ägypten kann genauso letztlich wenig befriedigen wie der Versuch, die sieben Hirten und acht Fürsten historisch festzumachen. Die Geburt des Kindes scheint eher ein göttliches Mysterium anzudeuten zu wollen. Die durch V.5 eigentlich zwingende Interpretation auf die unmittelbare politische Lage wird durch die nur eschatologisch interpretierbare Vorstellung eines umgreifenden Friedens-Zustandes wieder ad absurdum geführt. Der versprochene Herrscher kann kaum die Fortsetzung des judäischen Königtums sein, sondern er bedeutet einen Neuanfang.

Ähnliches gilt natürlich für die Weissagung Jes. 11. Auch sie beinhaltet gleichzeitig eine konkrete geschichtliche Notsituation wie eine politisch nicht realisierbare eschatologische Weissagung, ganz zu schweigen von der traumhaften Tieridylle. Dabei ist die Vorstellung eines Nottriebes aus einem gefällten Stamm alles andere als idyllisch und erinnert eher an die harte Heilige-Rest-Tradition.

Noch unbefriedigender ist jeder Versuch der Interpretation des Kindes aus der Weissagung bei Jes. 9. Ausgerechnet das Kind soll das Gottesrecht durchsetzen und die ursprünglichen Aufgaben des Königstums, den Schutz der Schwachen und Armen, übernehmen. Jesaja hat

damit Worte gesagt, von deren tiefster Bedeutung er eigentlich nichts wissen konnte. Alles dies ergibt nur dann einen Sinn, wenn man es messianisch interpretiert und auf Jesus von Nazareth hin auslegt.

Der Zion und die Völker

„Schön ragt empor der Berg Zion, daran freut sich die ganze Welt“ (Psalm 48,3)

In Jerusalem, dem Ort der Davididen-Tradition, findet sich noch ein schöner eigener Traditionsstrang, der möglicherweise noch älter ist als die Davidstradition: die Zionstradition.

Sie hat ihren poetischen Ausdruck in den Zionspsalmen (z.B.:Ps. 46 und 48) gefunden, begegnet uns aber auch bei den Schriftpropheten. Sie ist Ausdruck einer Erwählungstradition. Aus dem besonderen Schutz für den Zion ergibt sich allerdings auch eine besondere Verantwortung: Gott rettet den Zion gegen Fremde, richtet ihn aber auch besonders streng.

Vor allem Jesaja hat die Zionstradition gekannt und aufgenommen: Gott beschützt den Zion (Jes. 31, 4-5) gegen ein anbrausendes Völkermeer (Jes. 17, 12-14). Da ist die Nähe zum Gottesschrecken unverkennbar (z.B. 1. Sam. 7,10).

Bei Jesaja finden wir nun eine großartige Entwicklung der Zionstradition von einem Freund-Feind-Denken hin zur der Vision, dass der Zion am Ende der Zeit zum Licht der Heiden werde (Jes. 49.6). So schließt das Jesaja-Buch mit der eschatologischen Hoffnung auf eine

Völkerwallfahrt zum Zion (Jes. 66,18ff).

Für uns Christen schließlich endet die Bibel mit der grandiosen Vision des aus den Wolken kommenden himmlischen Jerusalems als der Braut Gottes (Apc.21f).

Quellen

Bundeserneuerung und Neuer Bund

Hos. 2, 16–19: Es ist noch eine Rückkehr zum alten Bund als dem erneuerten Bund möglich und notwendig.
Hes. 36, 22–28: Nur mit einem Neuen Herzen kann der alte Bund wieder gehalten werden.
Jer. 31,31: Der alte Bund ist so beschädigt, der Mensch so unfähig, ihn zu halten, dass Gott selber einen Neuen Bund stiften muss und es verheißt.
Lk. 22, 20: Jesus zitiert in seinen Einsetzungsworten Jer. 31,31. Also sieht er in seiner Sendung nicht den erneuerten Bund, sondern den neuen. Für die spätere Interpretation durch die frühe Kirche stehen Hebr. 1,1-4 und 7,22.

Der Heilige Rest

Jes. 1, 7-9: an anderen Stellen wird die Zahl des Heiligen Restes angegeben mit: 7.000

(1.Kg.19,18) oder mit einem Drittel: (Sach. 13,7-9). In diesen Zusammenhang gehört die Namensgebung Schear-Jaschub (Jes.7,3) sowie weitere Belege bei Jes., z.B: 4,3; 10,20.

 

Davidtradition und Messiaserwartung

Mi. 5, 1 – 5: 5,2 oszilliert in faszinierender Weise zwischen einer realpolitischer Beschreibung und den apokalyptischen Wehen der Endzeit. Es ist davon auszugehen, dass 5, 4b – 5 dazugehören und die Interpretation nicht dadurch vereinfacht werden kann, dass man zwei verschiedene Schichten konstruiert.
Jes. 11, 1-10:  Auffällig sind insbesondere die Vielzahl von Charismen des Trägers und ihre

Dauer sowie die klare Zukünftigkeit des Trägers. Damit ist diese Weissagung nicht auf die Aussage der Nathanverheißung reduzierbar. Ganz eindeutig ist die eschatologsiche Ausrichtung bei dem Tierparadies 11,6ff. Es scheint eine absichtliche Umkehrung der geläufigen Rhetorik zu sein, wie sie etwa in Mi. 5, 7 vorliegt.

Jes. 9,1-6: auch diese Perikope oszilliert merkwürdig zwischen einem ägyptischen Prinzen oder  Gesalbten und auch einem Kind (V.5. Säugling, von: dly : jalad, gebären)
in Jes. 9 könnte man einen eschatologischen David beschrieben sehenin Jes.11 könnte man einen eschatologischen Salomo beschrieben sehen

 

Der Zion und die Völker

Jes. 31, 4 – 5 als prophetische Adaption der Zionstradition, sowie:

Jes. 66, 18ff: die eschatologische Vision einer Wallfahrt der Heidenvölker zum Zion

Interessant ist die Anweisung der offiziellen jüdischen Bibelauslegung (Masora): bei der Lesung in der Synagoge soll nach dem sehr harten V. 24 noch einmal der V. 23 wiederholt werden, um das Prophetenbuch nicht mit dem Vers 66,24 enden zu lassen!

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion:

  1. Worin liegt der Unterschied zwischen dem erneuerten Bund von Hes. 36 und dem neuen Bund von Jer. 31?
  2. Welche Argumente sprechen dafür, dass die großen Davididenverheißungen Mi.5, Jes. 9 und 11 nicht mehr nur historisch als Ankündigung eines neuen, besseren Königs zu verstehen sind?
  3. Wie beurteilen Sie die Praxis der Synagoge, bei der fortlaufenden Lektüre von Jesaja nach dem Schluss mit 66, 24 noch einmal 66,23 zu wiederholen?

6. Prophetie, Eschatologie und Apokalyptik

Einführung:

Die atl. Prophetie, die sich ursprünglich auf die konkrete politische Lage der Gegenwart und der nahen Zukunft bezieht, nimmt in ihrer Spätzeit immer mehr eschatologisches Denken mit auf und transzendiert die gegenwärtigen politischen Zustände in kosmologisches Denken. In die nahe Zukunftserwartung bricht unmerklich die Erwartung einer nicht mehr historisch denkbaren Heilszeit ein, die nicht mehr in realpolitischen, sondern nur noch in eschatologischen Kategorien erfasst werden kann. Bei den oben angeführten Belegstellen der Davidstradition und  der Messiaserwartung wurde das schon deutlich. In Jes. 24 – 27 liegt ein voll entwickelter apokalyptischer Geschichtsentwurf vor, der die immanente Realpolitik längst hinter sich gelassen hat und transzendent denkt.

Dabei ist die Abgrenzung zwischen Prophetie, Eschatologie und Apokalyptik nicht nur innerhalb der Prophetenausgesprochen schwer. Das Buch Daniel etwa wird vom Judentum unter die Schriften gerechnet, von der Kirche unter die Propheten und von der theologischen Wissenschaft unter die Apokalyptik. Auch die Definition der Begriffe ist schwierig und umstritten. Hier wird folgende Sprachregelung vorgeschlagen:

Versuch einer Begriffsbestimmung:

Prophetie: Enthüllung des Verborgenen (in Gegenwart und Zukunft)

Eschatologie: Lehre von den letzten Dingen (z.B.: Reich Gottes)

Apokalyptik: visionäre Prophetie über das Weltende (z.B. Wehen der Endzeit)

Endzeit: die Jesaja – Apokalypse

Die historisch – kritische Forschung hält die Jesaja –Apokalypse genannten vier Kapitel (Jes. 24 – 27) für „sekundär“ und sieht darin ein „Buch im Buch“, das den jüngsten Teil des kanonischen ATs darstelle. Sie lässt sie darum bei den Ausführungen über den Propheten Jesaja links liegen. Man kann sie aber genauso gut als einen Edelstein im Jesaja – Buch betrachten und darin einen unübertroffenen Endpunkt und Abschluss der atl. Prophetie sehen. Die historisch – kritischen Theologen sehen in den Visionen Jes. 24 – 27 das bedauerliche Abgleiten der Prophetie von konkreter tagespolitisch bezogener Diesseitigkeit in eine apokalyptische Jenseitsflucht. Sie sei durch die tiefe Enttäuschung bedingt, dass sich die Wunschträume auf eine heile Welt nach der Rückkehr aus dem Exil doch nicht erfüllt hätten. Man kann darin aber auch einen ungeheuren Denkfortschritt und einen Durchbruch zu einer größeren Reife im Glauben sehen. Hier wird im AT schon ein Stück weit erahnt, was Jesus später vor Pilatus aussagen wird: „mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Hier klingt schon an, was selbst ein Teil seiner Jünger noch nicht fassen konnte.

Jedenfalls wird in Kap. 24 nicht mehr eine konkrete Stadt, sondern die ganze Welt gemeint, und nicht mehr diesseitig, sondern jenseitig erwartet. Es ist eine reifere Gotteserkenntnis: Friede im umfassenden Sinn ist zugleich auch Heil. Die Visionen werden nur noch von den letzten Kapiteln der Offenbarung des Johannes übertroffen, die hierauf deutlich Bezug nimmt.

Im Lied der Erlösten in Kap. 26 wird der Stand der Auferstehungs-Diskussion deutlich, wie er noch zur Zeit Jesu bestanden hat: In der Tradition der Psalmen, die hier aufklingt, gibt es keine Jenseits-Hoffnung (26,14), die dann jedoch mit dem Wörtchen „aber“ in 26,19 machtvoll durchbricht. Die Motivation ist dabei letztlich nicht primär der humanitäre Gedanke, sondern die Heiligkeit Gottes. Dies ist ganz nah bei der Prophetie des Hesekiel (zB: Hes. 36, aber daraus auch folgernd: das Gericht: Hes. 22).

Der Tag des Herrn

In vielfältigen Zusammenhängen begegnet die Vorstellung vom „Tag des Herrn“, „Tag Jahves“ oder einfach nur: „diesem Tag“, “jenem Tag“ auch in den Prophetenbüchern. Er stammt aus dem Umkreis der Vorstellung des Heiligen Krieges, den Gott selber führt und eben nicht der Richter, König usw. Er spiegelt die Exodus – Erfahrung wider: ein Größerer streitet für uns. Entsprechend kann sich dieser Gedanke gegen das Sich-Verlassen auf Hochrüstung und militärische Macht wenden.

Die Vorstellung vom Tag des Herrn hat jetzt bei den Propheten eine eigentümliche Bedeutungsverschiebung durchgemacht:

Im ursprünglichen Sinne wendet sich der Gottesschrecken gegen die Feinde und erlöst Israel aus einer Notlage. In der Gerichtsbotschaft der Propheten wird dieser Satz umgekehrt: Der Tag des Herrn wendet sich gegen das abtrünnige Volk. Eine unerhörte Umkehrung des Heilsgedankens in einen Gerichtsgedanken. In der Heilsprophetie wird der Tag des Herrn dann zum Heilstag für das bußfertige Israel. Gott besiegt nicht nur den Feind. Es schimmert

dann auch die neutestamentliche Hoffnung auf: Der Tag des Herrn bringt den Jubel der Erlösten: Gott hat den Tod und den Bösen besiegt!

Der verheißene Sieg über den Tod

In der großartigen Vision Hesekiels von der Wiederbelebung der Totengebeine (Hes. 37) scheint das erste Mal im AT die Auferstehungshoffnung auf. Es ist gewiss keine absteigende, weil enthistorisierende Entwicklung, sondern eine aufsteigende Linie hin zu mehr Transzendenz und weniger Tagespolitik.

Man darf hier aber wohl nicht schon die Auferstehungshoffnung des NT hinein interpretieren. Erstens ist die Aussage „Ich will meinen Odem in euch geben“ (V.14) noch eine Verheißung auf die Zukunft. Und zweitens geht es hier nicht um das Geschenk der Auferstehung zum Ewigen Leben, sondern eigentlich zuerst nur um das Weiterleben des Volkes Israel über diverse Katastrophen hinaus. Es ist also mehr eine kollektive Unendlichkeitshoffnung als ein Auferstehungsglaube. Es ist allerdings auf ihn hin vorbereitend offen.

Der Menschensohn

Wie oben schon erwähnt, gehört das Buch Daniel eigentlich nicht zu den Schriftpropheten im engeren Sinn, sondern entweder zu den Geschichtsbüchern (wegen Kap.1 – 6) oder zu den apokalyptischen Schriften (wegen Kap. 7 – 12). Hier aufgenommen wird lediglich das Kap. 7, vor allem wegen seiner Bedeutung für das NT.

Es gibt immer noch keine wirklich befriedigende Klärung des Begriffes „Menschensohn“. Die beste Übersetzung ist wohl einfach: „Mensch“ (oder auch: Menschenwesen im Unterschied zu Tieren, so vRad). Damit entspräche der Titel dem Adam, dem Menschen. Auch der Hinweis auf die Königspsalmen (zB. Ps. 97) und/oder eine Thronbesteigung als Hintergrund für Dan.7 können nicht recht befriedigen. Wieder aufgenommen hat diese Vision der Seher Johannes in seiner gesamten Schrift, beginnend bei Apc. 1,13.

Am bedeutendsten wurde Daniels Vision durch die Selbstbezeichnung Jesu als eines Menschensohnes (z.B. Lk. 21, 27). Der gängige Versuch, diese Selbstbezeichnung Jesu als unhistorisch abzutun, entspringt wohl eher einer ideologischen Vorgabe als exegetischer Einsicht.

Quellen

Jesaja-Apokalypse

Jes. 24-26,19 Übersicht: (nach Weiser)

25,

1-5 die Weltstadt fällt
2-8 das Mahl für die Völker

9-10a das Danklied Israels

10b-12 Moab endet im Mist

26,

1-6 der Chor der Erlösten

7-21 die Gemeinde in der Not der Endzeit

19 Die Auferstehung der Toten

27,

1 Der letzte Feind („an jenem Tag“!)

Jes. 26 Im Lied der Erlösten wird der Stand der Auferstehungs-Diskussion deutlich, wie er noch zur Zeit Jesu bestanden hat: In der Tradition der Psalmen, die hier aufklingt, gibt es keine Jenseits-Hoffnung (26,14), die dann aber mit dem Wörtchen „aber“ in 26,19 machtvoll durchbricht.

 

Belegstellen für den „Tag des Herrn“

  1. Gericht über die Feinde
Jes. 13,6-8;

Jes. 34,8;

Hes. 30,1-19;

Gericht über Babel

Gericht über Edom

Gericht über Ägypten

  2. Gericht über Israel
Am. 5, 18-20

 

der Tag des Herrn wird Finsternis sein
Joel 2: Tag des Herrn: Heuschreckenplage wie ein Krieg
  3. Gericht über alle Menschen
Jes. 24

 

Jes, 25, 6ff

Zeph. 1

Tag des Gerichtes über die ganze Erde

Das großeFreudenmahl

Zerstörung durch und durch

Dan. 7, 9-10 Tag des Gerichtes über die ganze Erde

 

Der Sieg über den Tod

Hes. 37,1-14 Klar ist in den Versen 4 und 7 die Bedeutung von Weissagung zu erkennen. Es ist keine Vorhersage der Zukunft, sondern ein „Wirkwort“ (s.II,1.3)

V.5: dt. „Odem“ ist der Begriff  xwr (((ruah) wie in 36,26 („Geist“).

 

Der Menschensohn

Dan. 7 Dan. 1-2,4a und 8-12 sind hebräisch, 2,4b – 7 aramäisch geschrieben
Kap. 1-6 sind Erzählungen, Berichte von Daniel
Kap. 7-12 sind Visionen
„uralt“ (V.9)bedeutet: von Anfang an, ewig, jenseits der Zeit. nicht: senil!
Die Tiere symbolisieren: Babylon, Medien, Persien und Griechenland (Makedonien)
Das kleine Horn bedeutet Antiochus IV. Epiphanes
Die Vorstellung vom Buch des Lebens begegnet schon Jes. 65,6 und Mal. 3,16.

 

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion:

  1. Prophezeiungen, die wie Jes. 24 – 27 deutliche apokalyptische Züge tragen, werden heute vielfach als Flucht der Prophetie aus der historischen Wirklichkeit abgewertet. Wie beurteilen Sie diese?
  2. Worin unterscheidet sich unsere christliche Auferstehungshoffnung von der Vision des Hesekiel?
  3. Welche Elemente der atl. Prophetie vom Tag des Herrn werden nicht in die Gerichtsankündigungen des NT übernommen?

7. Das Amt des Propheten in der Anfechtung

Einführung:

Wenn heute von atl. Propheten die Rede ist, dann denkt man selbstverständlich an die Schriftpropheten. Nur wenigen ist bekannt, dass es auch andere gab. In Wirklichkeit ist die erdrückende Mehrheit der Propheten Kultprophet gewesen, etwa in der Rolle eines Hofpredigers am Tempel. Sie gingen mit dem Zeitgeist und waren von daher die geborenen Feinde der Schriftpropheten. Im gewöhnlichen atl. Sprachgebrauch sind unter der Bezeichnung Prophet eben nicht die uns bekannten Schriftpropheten bezeichnet, sondern die Kultpropheten, so zB. in Hes. 13, und Sach. 13. Einer der ganz wichtigen Aufgaben der Schriftpropheten war die Auseinandersetzung mit der Kultprophetenschaft. Dabei ging es dann um die Frage, wer von ihnen denn wirklich der Bote Gottes war und wer eine falsche Botschaft vertrat.

Die Schriftpropheten müssen unter diesem Gegensatz und der daraus sich ergebenen  Einsamkeit ungeheuer gelitten haben. Am eindrucksvollsten haben wir den Niederschlag dieser Persönlichkeitskonflikte bei Jeremia, der hier für die anderen Propheten stellvertretend behandelt wird. Jeremia ist nach heutigem Sprachgebrauch eine hochsensible Persönlichkeit. Bei ihm erhalten wir das erste und einzige Mal im AT (wenn man einmal von Hiob absieht) Einblick in die Tiefen seiner individuellen Persönlichkeit. Dazu gehören auch Zweifel und Depressivität bis hin zur Selbstverfluchung und zum Todesverlangen. Die Darstellung dieser Seite des prophetischen Amtes sollte nicht unterschlagen werden.

Das Leiden des Propheten

Jeremia spricht das aus, was viele nur zu denken wagen: Er leidet unter der Ungerechtigkeit in dieser Welt: dass der Herr es zulasse, dass es den Gottlosen so gut ginge (Kap.12). In regelrecht ruppiger Weise erhält er dann von Gott eine Antwort, die weniger eine Antwort als eine Zurechtweisung ist. Wenn er so hochsensibel sei, wie könne er dann die folgende Auseinandersetzung mit den Kultpropheten stemmen?

Jeremia geht in seiner Anklage an Gott bis zur Selbstverfluchung: er verwünscht den Tag seiner Geburt. (Jer.20). Er bricht beinahe unter der Last seines Amtes zusammen. Diese Klagen erinnern in ihrer ungeschminkten Darstellung der Verletzlichkeit deutlich an die Gottesknechtlieder Jesajas.

Es ist gut, zu wissen, dass auch solche Vorbilder im Glauben Menschen sind, die Phasen schlimmer Durchhänger hatten, und dass sich kein Amtsträger schämen muss, wenn auch er solche Momente kennt. Hauptgrund ist der harte Auftrag, sich ständig in Gegensatz zu den anderen stellen zu müssen.

Die Auseinandersetzung mit den falschen Propheten

Das Drama der Auseinandersetzung Jeremias mit Hanaja soll hier stellvertretend für diesen Konflikt stehen. Es muss ihn bis ins Mark getroffen haben, dass er die erste Runde gegen Hananja verliert und wie begossener Pudel vom Platze schleichen muss. Er war schlichtweg sprach-los. Erst später empfängt er eine zweite Botschaft von Gott (Jer. 28,12), mit der er Hananja Paroli bieten kann. Erst als sie sich mit dem Tode Hananjas erfüllt, kann er wieder mit einigermaßen intaktem Selbstvertrauen weitermachen.

Aber auch Hananja beruft sich auf ein echtes Wort des Herrn, genauso wie Jeremia. Hier steht nun Aussage gegen Aussage, Prophetenspruch gegen Prophetenspruch. Wer hat recht? Gibt es Kriterien, an denen man die Echtheit eines Prophetenspruches erkennen kann? Diese Frage ist bis in die Gegenwart virulent. Es lohnt sich, hier intensiv nachfassen:

Folgende Antworten kann man im Buch Jeremia finden:

Jeremia wirft Hananja und den anderen falschen Propheten vor, dass ihre Visionen entweder blanke Lügen oder lediglich Ausdruck des eigenen Unbewussten seien. Es handele sich dabei nicht um Gottes Weisungen, sondern um

  • lügnerische Behauptungen, ein Gotteswort gehört zu haben: (Jer. 14,14: Lüge, falsche Offenbarungen, nichtige Weissagung), und um
  • Wunschvorstellungen des eigenen Unterbewusstsein: (Jer. 23, 16: „Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn“). Lange vor Sigmund Freuds Traumdeutung erscheint hier die Erkenntnis, dass das eigene Unterbewusstsein einem Dinge vorgaukeln kann, die zwar dem nicht bewussten Bedürfnissen der Persönlichkeit entsprechen, aber mit der Realität nichts gemeinsam haben. Interessanterweise zählt Jeremia zu den Ausdrücken des trügerischen Unterbewussten auch die
  • Träume: (Jer. 23,25: Träume statt Gotteswort)
    Der Traum gilt für Jeremia als Ausdruck des eigenen Unbewussten. Damit unterscheidet er sich deutlich von der allgemeinen Auffassung der Bibel, in der von Gen. 28: bis Apg. 16 der Traum angesehen wird als eine besondere Chance, persönlich eine Offenbarung Gottes zu empfangen. Möglicherweise hat Jeremia hiermit aber auch nur einen bestimmten Traum eines bestimmten Propheten gemeint.

    • Kriterien echter Gottesbotschaft

Jer. 23; 28 und werden 4 Kriterien echter Gottesbotschaft genannt:

  • weissagen im Namen Jahves, nicht Baals: Jer. 23, 13:
  • der Lebenswandel widerspricht dem Anspruch mit Ehebruch und Lügen: Jer. 23, 14:
  • Wunschkonzert blasen: je nach Bedarf nach dem Munde reden: Jer. 23, 17:
  • letztlich ist eine sichere Entscheidung nur im Nachhinein möglich: nämlich durch schlichtes Eintreffen der Prophezeiung: 28,9 und 17:

Das erste Kriterium ist selbstverständlich. Das zweite Kriterium eigentlich auch, obwohl Hosea hier schon als falscher Prophet „entlarvt“ würde. Das dritte Kriterium ist das Gegenteil von dem, was Jeremia durchmachen muss: Er darf gerade nicht nach dem Munde reden. Denn Gottes Wort ist unverfügbar (Jer. 42,7). Er musste auch schon einmal 10 Tage auf eine Antwort warten. Ähnlich muss etwa auch Bileam seine Gäste über Nacht warten lassen (Nu. 22). Das vierte Kriterium zieht sich durch das ganze AT hindurch. So ist auch 1.Kg 22 der Erfolg, das Eintreffen der Prophezeiung das einziges sicheres Kriterium. Allerdings wird im Deuteronomium selbst dieses Kriterium noch letztlich als unsicher angesehen: Das Eintreffen einer Prophezeiung ist auch nicht immer ein untrügliches Zeichen: Dt. 13,2ff!

Ebenso ist es möglich, dass sich auch ein Prophetenspruch Heskiels (Hes. 28,11ff) einmal nicht erfüllen wird: Tyros konnte eben nicht eingenommen werden. Die neue Weissagung Hes. 29, 17ff ist dafür dann die nachträgliche Korrektur der Weissagung gegen Tyros in einer überlegenen Gelassenheit und mit umso stolzerem Bekenntnis zu Gottes alleiniger Weltherrschaft.

Der Begriff der Prophetie im Neuen Testament (etwa 1. Kor. 12 und 14) ist nur mit großer Vorsicht auf die Prophetie des AT anzuwenden. Dennoch mag es interessant sein, die von der frühen christlichen Kirche formulierten Kriterien echter Gottesbotschaften heranzuziehen:

Es finden sich hier zwei unterschiedliche Kriterien der frühchristlichen Tradition:

Nach der Didache (Kap. 15) wird lediglich die Moral der prophetisch Begabten geprüft.

Bei den Wüstenvätern galt die Demut als bester Hebel gegen die falschen Botschaften der Dämonen.

Ferner hat die monastische Tradition des Karmels folgende Kriterien formuliert:

  1. Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche
  2. Förderung von Demut
  3. Praxis: Aktivierung zum Dienst statt Nabelschau

Alle diese Unterscheidungen mögen helfen. Aber es zeigte sich: eine letzte Sicherheit gibt es nicht. Martin  Luther hat im Zusammenhang mit dem Glauben dann auch unterschieden zwischen Sicherheit und Gewissheit: In diesem Leben hätten wir nur Gewissheit, aber keine Sicherheit. Sicherheit wäre ein Zeichen, etwas als Besitz zu besitzen mit der Folge der Selbstsicherheit, also letztlich Sünde. Interessant ist, dass die moderne Paartherapie diesen Gedanken aufgenommen hat: wer sich seines Ehepartners sicher ist, habe ihn eigentlich schon verloren.

Quellen

Das Leiden des Propheten

Hes. 13: die erdrückende Mehrheit sind die Heilspropheten / Hofprediger
Sach. 13,2ff: Der Begriff Propheten ist hier schon synonym mit: falschen Propheten, ebs.: Zeph. 3,4

 

  • Falsche Propheten
Jer.12,1-6: Die Frage Jeremias erinnert an Psalm 73. Der Gottesspruch erfolgt ganz ungewöhnlich ohne jede Einleitung in V.5
Jer. 20, 7ff: die erdrückende Last des Amtes und Selbstverfluchung, ähnlich Jer. 15,10
Jer.27-28: Jeremia und Hananja
Jer. 14,14:  Lüge, falsche Offenbarungen, nichtige Weissagung
Jer. 23, 16: „Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn“
Jer. 23,25: Traum oder Gotteswort: Traum als Ausdruck des eigenen Unbewussten

(anders von Gen. 28: bis Apg. 16: Traum als Offenbarung Gottes)

 

Kriterien echter Gottesbotschaft

Jer. 23, 13: 1.) weissagen im Namen Jahves
er. 23, 14: 2.) Lebenswandel
Jer. 23, 17: 3.) “Wunschkonzert“
Jer.28,9.17: 4.) Eintreffen der Prophezeiung
Hes. 28,11ff: Weissagung gegenTyros
Hes. 29, 17ff: nachträgliche Korrektur

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion:

  1. Die Schriftpropheten haben in unglaublicher Einsamkeit gegen die etablierte religiöse und politische Elite gestanden und darunter heftig gelitten. Von heutigen Gemeindeleitern wird dagegen Offenheit, Kommunikationsfreudigkeit und positive Ausstrahlung erwartet. Wo sehen Sie Ihren zukünftigen Platz?
  2. Welche Kriterien gelten in Ihrer Gemeinde, um angebliche Botschaften Gottes von Botschaften des Unterbewussten unterscheiden zu können?
  3. Nicht nur hinsichtlich der Echtheit prophetischer Botschaften, auch allgemein für den Glauben im Glauben ist der Unterschied zwischen Sicherheit und Gewissheit wichtig. Worin besteht der eigentlich?

8. Die Erfüllung in Jesus dem Christus

Einführung

„Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.“ (Lk. 4, 21) Mit diesen Worten beginnt der Messias Jesus (dt: Jesus, der Christus: gegen das Missverständnis eines Vor- und Nachnamens) seine Antrittspredigt in Nazareth. Selbst der Prophet Jesaja von Kap. 61 hat seine mit hohem Sendungsbewusstsein vorgetragene Verheißung der Geistausgießung als noch nicht erfüllt angesehen. Er sagt das Heil erst an. Erfüllt ist es erst in Jesus dem Christus.

Eigentlich waren ja alle diese Verheißungen Jesaja noch offen. Das Volk hat den Exodus aus Babylonien nicht gefeiert. Das wäre uns ganz bestimmt bekannt geworden. Also hat es auch die Verheißungen der Propheten nicht als erfüllt angesehen. Sonst hätte Jesus das in Nazareth auch so gar nicht sagen können. Keine Erfüllung in der Geschichte war je imstande, diese durch die Propheten geweckten Erwartungen zu befriedigen (vRad, 339-341.)

Damit hat das AT in der Religionsgeschichte eine einzigartige Sonderstellung. Mit einem Vergleich aus der Musik gesprochen, mündet das AT in einen Quartsextakkord aus. (s.o. II.1.4.1.) Es ist alles gesagt, was gesagt werden konnte und sollte. Aber danach ist nicht Schluss, es wird etwas anderes, Neues kommen, das das Alte mit eigenen Mitteln aufnimmt und ganz anders fortführt. Das ist einzigartig.

Damit gibt uns nicht nur Jesus mit seinem zitierten Ausspruch das Recht, die Propheten des AT christlich zu deuten, auch das AT selber weist von seiner Anlage her wie das klassische Solokonzert unüberhörbar darauf hin, dass hier jetzt Neues beginnen muss.

Die Tatsache, dass Jesus bezeichnenderweise aus der Fluch-Segen-Tradition den Fluch weglässt, war schon oben erwähnt (II.2.1). Auch sonst wird er einige Akzente anders setzen als die Propheten es getan haben.

Es gibt zahlreiche offensichtliche und noch mehr verdeckte Hinweise im AT auf die Erfüllung seiner Botschaft in Jesus dem Christus. Ebenso gibt es sehr zahlreiche offene und verdeckte Verweise der neutestamentlichen Schriften auf alttestamentliche Schriftstellen. Auch Jesus selber bezieht sich auf die Botschaften der Propheten. Hier kann nicht auf alle diese Verbindungen zwischen den Propheten und ihrer Erfüllung im Christusgeschehen eingegangen werden. Es können hier lediglich drei besonders wichtige Linien aufgezeigt werden:

Zuerst die Verheißung des Geistes, die im Messias Jesus und schließlich im Pfingstwunder erfüllt wird. Dann die Weiterführung des prophetischen Bildes von den schlechten und guten Hirten, die in Jesu Ich-Bin-Wort erfüllt wird. Zum Schluss dann noch die Weissagungen auf den Gottesknecht, die den Jüngern erst die Augen öffnen müssen, um den Kreuzestod Jesu überhaupt begreifen zu können.

Die Gabe des Geistes

Die Verheißung der Ausgießung des Geistes wird nun in doppelter Hinsicht erfüllt: Einmal in Jesus selbst. Es ist sicherlich klare Absicht, wenn Lukas die Wirksamkeit Jesu in seinem Evangelium mit diesem Selbstbekenntnis bei seiner Antrittspredigt in Nazareth beginnen lässt. Die vorherigen Berichte kann man durchaus erst als Einleitung oder als Vorbereitung verstehen.

Zum anderen wird die Verheißung im Pfingstwunder erfüllt. Petrus bezieht sich in Apg. 2 zu Recht auf Joel 3, weil hier deutlicher eine Prophezeiung auf den Heiligen Geist vorliegt, während Hes. 36 noch eher als Erneuerung des Herzens durch einen neuen Geist verstanden werden kann. Die Verheißung von Joel 3 kann man in zweifacher Hinsicht deuten: entweder auf den Tag des Herrn (V.3!), also auf die zweite Wiederkunft Christi, genauso aber auch auf Pfingsten. Traditionell sind beide Deutungen gleichzeitig als „Frühregen und Spätregen“ nach Joel 2,23; Jak. 5,7 aufgefasst worden. Das Geschenk des Geistes heißt nicht weniger als: es ist jetzt kein Prophet als Mittler mehr nötig zwischen Gott und Mensch. Durch die Gabe des Geistes ist jeder Mensch „gottunmittelbar“. Wurde in der Frühzeit Israels der Geist Gottes nur punktuell auf charismatische (Heer-) Führer ausgegossen oder später dauerhaft auf einen einzelnen Gesalbten, so beinhaltet diese Verheißung die Gabe des Geistes für alle Menschen und überschreitet dabei alle sozialen Grenzen. Es ist ausgesprochen aufschlussreich, die Entfaltung des Vollsinnes des Geistes im Einzelnen zu verfolgen. (nach: THAT)

xwr (ruach, Geist) heißt in seiner Grundbedeutung gleichzeitig Wind und Atem, besonders die darin wohnende Kraft, gleichzeitig als physikalisch beschreibbare Größe und als göttliche Kraft. Profaner und religiöser Gebrauch sind nicht scharf voneinander abzutrennen. Deutlich ist der Charakter des Flüchtigen, nicht-Greifbaren. Diese Kraft ist offen auf Gott hin.

Die Bedeutung wandelt sich im Laufe der Zeit in Richtung Lebensodem, also als eine jetzt dauerhafte Kraft: Hes. 37 und die Schöpfungsgeschichten, dann auch mit psychologischer Bedeutung als Gemütsverfassung von Zorn bis Demut, doch eher zerschlagen und traurig.

Sodann kann es das Aktionszentrum des Menschen (etwa wie: Herz) bezeichnen, das Innerste des Menschen und seine ganze Existenz (Hes. 36).

In der Frühzeit des Volkes Israels hatte der Geist Gottes einen festen Ort einmal im charismatischen Führertum (Ri.3,10: „und der Geist Gottes kam über ihn und er zog aus in den Kampf“), zum anderen in der ekstatischen Prophetie (1.Sam. 10,10 und 19,20). Dabei entwickelt sich der Begriff von der Bezeichnung einer eher ekstatischen Kurzzeitwirkung zur Dauerhaftigkeit in Richtung „Frömmigkeit“. Spätestens mit Aufkommen des Königtums wird der ruah weniger als eruptive dynamische Kraft gedacht, sondern eher als etwas Statisches: die bleibende Gabe (z.B. Jes. 11,2!) für den Gesalbten, die ihm besondere Fähigkeiten verleiht.

Etwa seit dem Exil ist der Begriff beinahe gleichbedeutend mit Gott. Jetzt tritt auch erstmalig der Begriff “Heiliger Geist“ auf: Jes. 63,10.11.14; Ps. 51,23.

Recht befremdlich ist der Befund, dass in der Schriftprophetie – ausgenommen bei Hesekiel – das Prophetenwort nicht auf den Geist zurückgeführt wird. Möglicher Grund könnte sein, dass der Begriff von den falschen Propheten in Beschlag genommen und deswegen verbraucht war. Die Wendung des „Lügengeistes“, den die 400 Heilspropheten als Gottes Geist ausgeben, könnte darauf hin deuten („Der Herr hat einen Lügengeist gegeben in den Mund aller deiner Propheten“ 1.Kg. 22,23)

Der Gute Hirte

Die Propheten greifen mutig die politischen und auch die religiösen Führer des Volkes an: der Fisch stinkt vom Kopf her. Der Hirt bot sich als Bild an, weil er natürlich einer der wichtigsten Berufe damals war. Darüber hinaus war das Bild eines (schlechten) Hirten im ganzen Orient bekannt als Umschreibung eines schlechten Königs. Es hat also gar nichts von dem seichten bukolischen Unterton, den das Bild vom Hirten bei uns seit der Romantik besitzt.

Das Bild vom Hirten hat sich in einer sehr interessanten Entwicklung in vier Schritten von den schlechten Hirten (den politischen und religiösen) zu dem guten Hirten weiter entwickelt.

Ausgangspunkt ist etwa das Spottlied Jes. 56,9-12, das in beißender Ironie und in regelrecht  beleidigendem Ton gegen die politische und religiöse Führung lästert. In seiner einseitigen Grobheit passt es gut zum Auftrag der Verstockung.

In aller Deutlichkeit, aber nicht so sarkastisch, ist dann der Weheruf Jer. 23,1-6:

Nach dem Weheruf über Könige oder Hofbeamte folgt hier eine Heilsankündigung: Gott selber wird die Herde sammeln und bessere Hirten über sie setzen. Nach dieser Ankündigung folgt die Verheißung eines David-Sprosses, der aber noch für diese Zeit erwartet wird.

Sicherlich hat Hesekiel seinen Vorgänger Jeremia gekannt. Vielleicht auch persönlich, und ist sogar sein Schüler gewesen. Deswegen ist es nicht so erstaunlich, dass er die Weissagung von Jeremia aufnimmt sowohl mit dem Weheruf als auch mit der Verheißung eines Davididen. Neu dabei ist, dass Gott expressis verbis selber als Richter auftreten wird und dass er selber eine Rolle wie ein Hirt übernehmen wird, der das Verlorene wieder suchen werde. Hier ist der Schritt über die Realpolitik hinaus in die Transzendenz getan. Vielleicht ist es auch die Tatsache: wenn eine Regierung gestürzt ist, ändert sich meistens weniger als man erhofft hat. Die kritisierten Verlockungen der Macht werden auch die neuen Machthaber schnell besiegt haben.

Während bei dem Spottlied des Jesaja nur die schlechten Hirten im Blickfeld waren, trat neben sie in den Weherufen des Jeremia die Verheißung auf bessere Hirten und auf einen Davididen. In dem Weheruf des Hesekiel kommt noch Gott selber als der Hirt hinzu.

Bei der Trostbotschaft des Jesaja (40,11) ist nur noch die Verheißung auf Gott selber, der „wie ein Hirte“ ist, wichtig und ausgeführt. Hier ist nichts mehr von der beißenden Kritik zu spüren, sondern Gott wird als der Hüter dargestellt.

Wenn Jesus das Bild vom Guten Hirten im Vollsinn weit ausführt (Joh. 10), dann kann er sicher sein, dass seine Hörer die Schriftstellen aus den Propheten wenigstens ansatzweise auch kannten. Er nimmt das auf, was die Propheten gesagt haben, geht aber meilenweit darüber hinaus.

Jesus identifiziert sich mit dem guten Hirten, was seine Hörer mit Sicherheit als Blasphemie verstanden haben, weil sie ja die Identifikation Gottes mit dem guten Hirten kannten. Aus dem Bild des für die Schafe sorgenden Hirten, bei dem der mütterlich-fürsorgerliche Aspekt noch stärker herausgehoben wird als bei den Propheten, wird unter der Hand das Bild einer Lebensgemeinschaft Christi mit den Schafen, die mit dem Hirten vertraut sind. Die Christen werden in die Einheit des Sohnes mit dem Vater hineingenommen. Auffällig ist die Verwendung der Einheitsformel, die an das Hohepriesterliche Gebet Jesu (Joh.17) erinnert.

Mit ein wenig exegetischem Mut lässt das schließlich auch eine trinitarische Deutung zu.

Der Gottesknecht und das Kreuz

Die stärkste Klammer zwischen dem Alten und dem Neuen Testament sind wohl die Gottesknechtlieder mit ihrer Funktion, den zunächst unfassbaren Tod Jesu zu deuten. Die Jünger waren ja nach der Katastrophe des Kreuzes erst einmal völlig orientierungslos. Offenbar wurde ihnen erst an den Gottesknechtliedern nachträglich die Notwendigkeit und Bedeutung des Kreuzes klar. So haben es jedenfalls die  Emmausjünger erfahren: musste nicht Christus dies leiden? (Lk.24, 26; mit ausdrücklichem Bezug auf die Propheten: V.25)

Alle vier Lieder gehören offensichtlich zusammen, es ist unklar, wieso sie jetzt verstreut sind. Es handelt sich hierbei nicht um eigentliche Lieder, aber um geprägte Hochsprache. Es ist eine dem höfischen Lebenskreis entlehnte Form, aber wohl eher ein prophetisches Amt. Sie dürften kaum für den Gottesdienst geschaffen sein, doch haben sie einen „Chor“, der immer wieder die auf das Thema Stellvertretung zurückkommt.

Bis heute gibt es keine befriedigende Interpretation der Gottesknechtlieder ohne Bezug auf Christus.  Es gibt hauptsächlich vier Versuche einer Interpretation, wer mit dem dba  hwhy  (ebed Jahve: Gottesknecht) gemeint sein könne, wobei vor allem es um die Frage geht: Ist der ebed individuell oder kollektiv zu deuten? Im sozialen Zusammenhang bedeutet ebed meistens, aber nicht immer: Sklave

  • Eine Deutung des Knechtes auf Israel (so sonst bei Jes., zB 41,8; 42,19) geht hier nicht, weil erstens der Knecht eine Aufgabe an Israel hat und zweitens das unwillige Israel nicht identifizierbar ist mit einem willigen Knecht. Der ebed ist die mit universalem prophetischen Auftrag betraute Person.
  • Eine Deutung auf den Propheten ist auch nicht möglich, weil der Knecht eine konkrete Person transzendiert. Hier liegt eindeutig eine Weissagung vor.
  • Eine Deutung auf den König ist auch nicht möglich, weil der Knecht keine Standesbezeichnung ist, sondern eine Beziehung zum Herrn bezeichnet (ebed-adonai!). Primäre Assoziation ist eben nicht die Unterordnung, sondern die Zugehörigkeit. (ThAT) Möglich wäre dagegen etwa: ein Vasallenkönig als ebed eines Großkönigs. Aber für einen Vasallenkönig ist die Aussage des stellvertretenden Leidens undenkbar. Als Ergebnis ist daher festzustellen: alle Interpretationsversuche müssen scheitern außer diesem einem:
  • die Deutung auf den Messias Jesus.

Es scheint so, als ob Jesaja hier absichtlich verhüllend redet. Diese Vermutung begegnete uns ja bereits bei den Weissagungen der Davidstradition.

Im ersten Gottesknechtlied Jes. 42, 1-4 ist klar, dass hier jemand beauftragt wird. Der Auftrag, für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, ist ein königliches Amt.

Im zweiten Gottesknechtlied Jes. 49,1-6 liegt eine Paradoxie vor: ein Herr will sich durch einen Knecht verherrlichen! Das schreit förmlich nach einer messianischen Deutung.

Im dritten Gottesknechtlied Jes. 50, 4-9 beschreibt eher ein Schüler bzw. ein Jünger als  ein Knecht seine Existenz als Prophet in Israel: ein Mensch, dessen Dasein vom Hören und Reden bestimmt ist, der jeden Morgen aufhorchen muss: das ist das Unverfügbare im Gotteswort.

Neu ist hier auch gegenüber Jeremia: das Leiden wird angenommen in der Gewissheit, dass Gott selbst das Leiden will

Im vierten Gottesknechtlied Jes. 52,13ff ist der Rahmen das Gotteswort: 52,13-15 und 53,11b-12. Es knüpft unverkennbar an 42, 1-4 an. Darin eingeschlossen ist der Leidensbericht. 53,4 – 6 bringt so etwas wie ein Chor das „Bekenntnis der Gewandelten“. Es ist ein sprachliches Kunstwerk von erstaunlicher Kraft und Unmittelbarkeit. Dabei ist völlig unklar, wie diese Gruppe zu dieser neuen Erkenntnis gekommen ist, „sie sind selbst gewandelt worden“. „Jedes Bekenntnis bezieht sich auf etwas Geschehenes. Auch hier muss etwas geschehen sein, was die Wandlung und das aus der Wandlung erwachsene Bekenntnis bewirkte. Dieses Geschehen muss mit der Erhöhung des Knechtes zusammenhängen.“ (ATD z.St.).

Auch das vierte Gottesknechtlied schreit förmlich nach einer messianischen Deutung. Ja, noch mehr: mit etwas exegetischem Mut und der Voraussetzung, dass die Gewandelten nur durch den Heiligen Geist zu diesem Bekenntnis gekommen sein könnten, legt es ganz deutlich eine Auslegung auf die Trinität nahe.

Quellen:

Die Verheißung des Geistes

Jes.61,1f: dazu Lk.4,21
Joel 3,1f: dazu – Apg. 2
Hes.36,26-28 :

 

 

Der Gute Hirte

Jes. 56,9-12: im Klartext: der Feind wird sie so zunichtemachen, dass überall Leichname liegen
Jer. 23,1-6: V.7: „es werden Tage kommen“ ist nicht direkt eschatologisch zu verstehen
Hes. 34: neben Gott als Richter und Hirt steht etwas unverbunden die Zuspitzung auf einen Davididen als einzigen Hirten. Der versprochene Heilszustand V.25ff ist  nicht mehr innerweltlich zu verstehen
Jes. 40,11: liegt am nächsten von allen Aussagen des AT an Joh.10.
Joh. 10,1-30: ein einziger guter Hirte, vorher Diebe und Räuber, 27-30: dieser Abschnitt atmet die Psalmenfrömmigkeit Jesu

 

Der Gottesknecht und das Kreuz

Jes. 42, 1-4: Auftrag: Recht  und Gerechtigkeit durchzusetzen erinnert an die Davididen-Tradition

„siehe, mein Knecht“ erinnert an: ecce homo

Jes. 49,1-6: 49,1: s. Jer. 1: im Mutterleib berufen

In 49,3 liegt ein ungelöstes Problem vor: das „ich“ wird Israel genannt, hat aber einen Auftrag an Israel. Deswegen wird das Wort „Israel“ von vielen Auslegern für einen Zusatz gehalten und wäre dann frühester Beleg der kollektiven Deutung,  aber es findet sich auch in auch in einer qumran-Rolle

Jes. 50, 4-9: Ein Vertrauenspsalm mit Klage-Elementen.

Der krasse Widerspruch zw. V.6 und V.7 geht bis in die Vokabeln: Ich verbarg mein Angesicht nicht vor Schändungen – ich werde nicht zuschanden

Vergleichbar sind andere Klagen des Mittlers zwischen Gott und dem Volk (Mose, Elia, Jer.)

Jes. 52,13ff: Die Schwere des Leidens wird durch die Reaktion der Zeugen dargestellt. In 53,2. ist das ganze Leben gemeint, dagegen in den Klagepsalmen ein punktuelles Leiden. Dem Abscheu wird das Erstaunen gegenüber gestellt, beides ist besonders groß. Das Leid erscheint in 4-6 eher als Krankheit,

in 7-8 eher als von Menschen verursachtes Leid.

gelitten – gestorben – begraben ist eine auffällige Parallele zum Apostolikum

V. 8 ist die Übersetzung unsicher. sicher es ist ein forensisches Geschehen

Der Gottesknecht ist wirklich schon gestorben (9)

V. 10 schon zu Beginn: Umschlag der Klage

V. 12 der Rehabilitierung folgt die Wiedergutmachung in traditioneller Diktion.

 

Fragen zur Einzelarbeit/Gruppenarbeit/Diskussion:

Nehmen Sie Stellung zu folgenden Thesen:

  1. Im Alten Testament ist so oft von Feindeshass, von Kriegen und von anderer Brutalität die Rede, dass es besser wäre, wir würden nur das Neue Testament als Heilige Schrift anerkennen. Wir sind doch eben keine Juden. Lasst die Bibel mit Jesus beginnen!
  2. Jesu Selbstbezeichnung als Guter Hirte meint eine wunderschöne Naturidylle, die sanfte Harmonie in unberührter Natur und hat mit Streit und Auseinandersetzung nichts zu tun. So sollte Religion auch sein!
  3. Man kann als moderner Mensch auch Ostern feiern ohne die altertümliche Lehre vom Sühnopfertod Jesu. Der Gedanke an ein Opfer hindert den heutigen Menschen nur daran, den Kreuzestod zu verstehen, statt ihm zu helfen.

9. Nachwort

Der Schnelldurchgang durch die Propheten hat neben wichtigen Einblicken in das Alte Testament zwei besonders deutliche Ergebnisse gezeigt:

  1. Es treten an zahlreichen Stellen offensichtliche oder verdeckte Verbindungslinien zwischen der Botschaft der Propheten und dem Neuen Testament hervor. Vieles von Jesu Botschaft wird erst dann richtig verständlich, wenn man die Propheten kennt. Jesus konnte ja davon ausgehen, dass zumindest die Pharisäer und Schriftgelehrten diese auch im Gedächtnis hatten. Dieser Befund unterstützt in eindrucksvoller Weise die oben (II.1.4.1) zur Hermeneutik des ATs aufgestellte Behauptung, dass eine christliche Interpretation der Prophetie des AT nicht nur gestattet, sondern auch von der Sache her erforderlich sei. Auch wenn das Christentum der Neue Bund ist und nicht der erneuerte, beruht es doch auf dem Fundament des Alten Bundes.
  2. Es haben sich aus den historischen Texten überraschend viele Parallelen zu den Problemen der Gegenwart ergeben. Manche der Prophetenworte könnten in leicht abgewandelter Diktion genauso auch heute gesagt worden sein. Das gibt der Thematik eine starke Gegenwartsnähe.
  3. Allerdings muss diese Tatsache auch nachdenklich stimmen: Wir sind es ja gewohnt, in der Liturgie und in der Seelsorge tröstliche Prophetenworte, die vor langer Zeit in einer bestimmten historischen Situation ausgesprochen waren, auch heute direkt auf uns zu beziehen und sie etwa beim Segnen einem anderen zuzusprechen. Genauso deutlich ist dann aber auch die Gerichtsbotschaft der Propheten auf die Gegenwart zu beziehen. Die vielfältigen Übereinstimmungen mit unserer heutigen Säkularisierung und den synkretistischen Verirrungen sind trotz mancher Unterschiede schon frappierend. Das gibt der Beschäftigung mit den Propheten eine unerwartet hohe Brisanz für die Gegenwart. Das kann für die Zukunft durchaus nachdenklich machen.

10. Literaturverzeichnis:

 

Biblia Hebraica, ed. Rudolf Kittel, Stuttgart 1962

Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung,  2017,

Bauer, Walter, Griechisch-deutsches Wörterbuch zum NT, Berlin 1963

Gesenius, Wilhelm, Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch, Berlin, Göttingen,

Heidelberg 1962

Jenni, Ernst und Claus Westermann, Theologisches Handwörterbuch zum AT, München

1984 (THAT)

Kaiser, Otto, Der Prophet Jesaja, Kap. 1-12, ATD 17Göttingen1981

Kaiser, Otto, Der Prophet Jesaja, Kap. 13-39, ATD 18, Göttingen197681

Ellisen, Stanley A., Von Adam bis Maleachi. Das Alte Testament verstehen, 6. Aufl. Dillenburg 2005

Sellin, Ernst und Georg Fohrer, Einleitung in das AT, Heidelberg 1965

Weiser, Artur, Das Buch Jeremia, ATD 20/21, Göttingen 1969

Westermann, Claus, Das Buch Jesaja, Kap. 40-66, ATD 19, Göttingen 1970